Überlegungen zum witwesken Kaufrausch – oder: Atmen.

277 Kaufrauschgedanken
Ich miste weiterhin den Kleiderschrank aus: Wieder zwei Tüten voller Uni-Dozentinnen-Pullis sind im Container gelandet und nochmals ein Doppelbett-Bezug (ich war überrascht, ihn doppelt vorzufinden, dachte ich doch, alle Doppelbett-Bezüge bereits ausgemistet zu haben).
Im Kleiderschrank hängen allerdings immer noch Kleidungsstücke, die ich letztmals in Leben #1, also vor zehn Jahren (eher vor zwölf, danach waren 15 Monate Krebs) zuletzt getragen habe; manche davon nur zwei-, dreimal: öffentliches Vortragsoutfit, private Festtagsseide. – So, wie es sich derzeit anfühlt, kann auch das bald weg.
Obwohl fast alles noch passt und noch ‚gut‘ ist.

Genauso wie vor neuneinhalb Jahren beim Aussortieren der Kleidungsstücke des Lebensmenschen aus unserem Kleiderschrank: Auch die waren fast alle noch ‚gut‘.
Ich hatte zuvor das Sweatshirt und die Shorts, in denen er zuletzt (Anfang August 2009) joggen war und die noch immer über dem Stuhl in seinem Arbeitszimmer hingen (Juni 2011), an mich genommen, damit sie nicht mitaussortiert würden.

Sie liegen bis heute ungewaschen in einer Blechschachtel im Kleiderschrank. Zusammen mit dem – nicht von mir, aber gewaschenen – Handtuch, auf dem er in meinem Arm starb.
Alles andere von seiner Kleidung hat eine Freundin auf meine Bitte hin etwa ein halbes Jahr nach seinem Tod in Tüten verpackt. Und wir haben die dann gemeinsam auf dem vollbeladenen flitzeroten Fahrrad zum Container transportiert.
Alles davon war noch ‚gut‘. (Ich hatte dann jahrelang Angst davor, jemandem in seiner Lederjacke zu begegnen.)

Nun also meine Kleidung. Und das alte Bettzeug.
Mit dem Unterschied: Ich miste nicht nur aus. Ich wechsle aus, ich erwerbe also neu.

Mit dem Balkon fing es an: Statt der sich allmählich auflösenden Plastikstühle stand dort vor fünf Jahren plötzlich der Deckchair. Mit der Kleidung ging es ein Jahr später weiter und hat noch nicht wieder aufgehört. Dann kam die Musik dazu (die derzeit coronamaßnahmenbedingt weitgehend pausiert). Und schließlich ging es in die Wohnung hinein: Es kamen Kissenhüllen und eine Decke, Teetassen, Handtücher, meine [sic!] Bilder, das Bettzeug, die vom Lebensmenschen angekündigten, aber von mir dann ausgeführten „Baumaßnahmen“, das Geschirr und nun sogar eine kleine Weide fürs flitzerote Fahrrad samt neuem „Besuchereingang“, auf welchem das flitzerote Fahrrad ja weidet (die Witwe hat neue Fußmatten gekauft).

Cocooning – ja’a! Auf der Eisscholle.
Konsum. Fort/Da. Im Witwesk.
Ja.
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Der Lebensmensch hat in seinem letzten Sommer nichts mehr haben wollen. Noch nicht einmal mehr neue Socken, obwohl die alten fadenscheinig geworden waren. „Wer weiß, ob ich die noch brauchen, ob ich sie noch anziehen werde“, so sagte er.
Nie habe ich ihm gesagt, dass mich dieser Satz jedes Mal beinah ausradiert hat.

Denn: Verdammt – ja!! : Keiner kann je wissen, ob er seine Socken noch einmal anziehen wird. Keiner. Egal ob mit oder ohne Krebs. KEINER kann wissen, ob er seine Socken noch einmal anziehen wird!
Aber jeder, der vor einem Stapel neuer Socken steht, kann spüren, ob er Lust hat, nochmals neue zu kaufen. Auch wenn er ganz genau weiß, dass er nicht wissen kann, ob er sie jemals anziehen wird.

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Ich habe mich in diese Struktur des Lebensmenschen so zutiefst eingearbeitet und einarbeiten lassen.
Sie ist mir auch teilweise altvertraut. (Auch deshalb ging das Einarbeiten so einfach.)
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Ich aber, i-c-h erwerbe neue Socken, neues Geschirr, neue Fußmatten, neue Bettwäsche und erstmals in all meinen Leben Opern-Abos und Kleider. Und ich lade etwa jeden vierten oder siebenten Abend meinen Tod zu mir ein, freundlich, sachlich, entschieden.

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Nachher kommt die neue Bettwäsche. Wenn sie da ist, werfe ich die letzte mit dem Lebensmenschen geteilte, die nun etwa 18 Jahre alt ist, weg.
Und nachher kommt die Weide für’s flitzerote Fahrrad im Flur und es kommt der Rest der neuen Fußmatten. Wenn ich also am Abend vom iron-widow-Parcours komme, dann werde ich vor meiner Wohnungstür ein Kunstwerk betreten können. Und mein Herz wird machen, dass ich ein- und ausatme, sanft & tief. Und wenn ich davor schon gestorben sein sollte, ist es genauso.

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