Schlagwetter
Duckelbau
Diestelung
Nullsamkeit. finis
                                                                  Schlagwetter



Versuch über die Angst (1)

 

Mir fährt der Schreck nicht in die Glieder,

mir steht das Herz nicht still, auch rasen tut es nicht,

die Lungen verrichten ihren Dienst,

kein Grauen treibt mir Tröpfchen auf die Stirn,

mir schwindet nicht die Sicht und nicht die andern Sinne,

kaum, dass mir die Stimme bricht,

unwesentlich jene Wasser nächtens im Gesicht

und nur dann und wann dies Zittern, so klein, dass

darin alles in sich stürzen kann – also: Eis & Stein

in die Knochen treiben

und durch die Muskeln flechten, den Zähnen Hufeisen

aufnageln, die Bilder mit Faustkeil und Flex

aus dem Kopf jagen und die Gedanken mir sofort zerschlagen!

 

Die Angst ist alt. Wie sie ertragen?

                             (Nov. 2016)



Versuch über die Angst (2)

 

Luft ist außerhalb, da wo die andern

und in den Lungen stockt die Leere

so wie die Zeit in manchen Momenten

immerhin: die Finger versehen noch

kuppenmäandernd die Furchen der Tastatur

einst, in der alten Angst, die vom Telefon (da wo die andern)

jetzt die vom hier

zu sehen war und ist nix

nur die Zähne, die lockern sich.

Schwarzes Glas bin ich

und werde nun zersungen.

               (Nov. 2016)



Durchgangssyndrom

 

Die Augen suppentellertief wird aus dem

Zimmer ein Raumschiff, aus dem Bett ein

Verlies, aus der Schwester erst Alien, dann Hexe,

dann beides.

Was die Ärzte behaupten – dass es spurlos

durchgehen würde – musst du verneinen:

Auch Wochen später weißt du immer noch,

sie haben dich entführt, deinen Geist weg-

gespritzt und deine Augäpfel getauscht

gegen Porzellan, aus dem sie Suppe

gegessen haben, bis der Löffel

auf dem leeren Boden wieder und wieder

geschrien hat wie die Kreidespur an der Wand,

die ich jetzt nach Jahren fand.

                       (Nov. 2016)




Ich habe sie nur gehört und gesehen –

Du aber, Du bist ihnen so anheimgefallen, dass

Dir Hören und Sehen verging.

 

Und sogar schmecken und riechen kann man Schmerzen.

 

Ich indes habe sie nur gehört und gesehen, mehr gehört als gesehen:

diesen kleinen Laut, der sich

vor Deinen Atem

setzte,

diesen winzigen Laut,

diesen einen Laut.

      (Dez. 2016)




Intensivstation 1         

 

ITS das ist Fleischfachverkäuferin und Fleischbeschau und du

wirst angezapft und vermessen und betatscht und aufgedeckt und am Geschlecht wirst du begrabscht

und an den Nähten, den Wunden, an der Seele und wenn du

wimmerst vor Schmerz, dann wird entweder gelacht oder Fentanyl dir ins Hirn verbracht

- nee: immer beides.

Und deinen Anhängseln sagt man: ‚Alles gut, alles okay, alles normal, alles nicht schlimm, wird alles

bald vergessen sein‘

– nein!

Wir haben das nie vergessen.

Dir hat es bis zum Schluss überall gesessen:

das Zapfen, Tatschen, Grabschen, Lachen.

                                          (09.12.2016)



Intensivstation 2

 

mein nachtlicht funkelt hinter mir der pfleger

wechselt laken und bezüge ohne den neonschlagbaum

über meinem kopf herunter zu lassen sanft seine hand unter meinen nacken

kühl der lappen und warm die augen ruhig das lächeln

sacht höre ich ein lullaby

und funkelnd schlaf ich wieder ein.

                                 (13.12.16)



Lungenflügelspitzen

brechen einfach ab

und dann den Arm zu schnitzen

ist genauso lachhaft

 

neulich das Pulver hat nicht gezündet

das Eis vermag nicht kalt genug zu sein

nie ist irgendwo was eingemündet

Atem ist und Syst- und Diastole schreien

 

Lachhaftes Schnitzwerk

viel mehr Wünsche als Blut

werd ich zum Wortsarg.

 

Leb, lach und im Gleichnis

Du bist fern und das ist gut:

Ein Küsschen Dir ewig, im Knöchelverzeichnis.

                               (18.12.2016)



es kann ganz leise sein

und klein und einfach nur blut

ob das was auf mir hockt

auf augen und nase und mund auf lunge und herz

ich noch einmal werde ableben müssen

weiß ich nicht

aber dass es sich finden wird weiß ich war immer so

irgendwann war einfach irgendwas

so

diesmal aber jetzt könnte ich

ganz leise sein und einfach nur blut

und nie nie wird


Gehaltensein.

(Dez. 2016)

 

 


Der Job jetzt bei F.heyjeihackendiknack

 

Vier Stunden lang,

drei mal vier ist zwölf

ein HalberTag pro Woche    

   das geht, zarack!

nach Woche zwei dann vier mal vier Stunden lang

nach Woche drei dann fünf mal zackzarackzackzack Stunden

macht, was ohnehin ist:

verklebter Mull, Friern, wach um halb fünf.

Die vierte Woche, an deren Ende dann auch alles schon wieder zu Ende wäre,

wüchse bis in den Februar hinein.

Wie viele werden und darf ich bis dahin gestorben sein?

                                                                 (Jan. 2017)


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EINER LEBT! Inmitten des Schlagwetters hat er es geschafft zu überleben!

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Neue Arztspezies


Aortenklemmzeit: zweimal vierzig Wüstennichts

die arteria femoralis derweil aufgeschlitzt, zugepfropft dem Eise anheim und dem Blei

aber das ja allerorten hat es meine Pupillen ebenso ausgekocht wie meine Mundwinkel und jenen Punkt,

bis zu dem einst Deine Zunge uns fand und löste.

Aortenklemmzeit: zigmal endlos Wartephrasen

bis heute keine Sicht, nur mal ab und an ein Strich auf dem angefrorenen Kalenderblatt

ein schneeknirschender grauer Ton aus einem fremden bunten Anorack, einem Kittel,

weiß, blau – jedenfalls satt und warm und frei und voller Atem und allen eignen Bluts teilhaftig.

Aortenklemmzeit klemmt der. Nie klemmt ihn was, kein Wüstennichts, keine Wartephrasen,

sattwarmfreiundseinerselbstvollendetteilhaftig – so ist der.

Vor so einem endet meine Aortenklemmzeit.

Wie immer sack ich nirgends hin, steh auf meinen Knien, weiß blind, was vor mir liegt und geh am Ende

des fünf minütigen Gesprächs vollkommen zielsicher ins Zimmer des Patienten, derweil die Putzfrau

fluchend sich hinter meine Blutbäche auf dem eiskristallgespikten Fußboden klemmt.

                                                                                                           (Jan. 2017)