Noch einmal: Krebskranke und „Corona“

Die Versorgung von Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs sei „deutlich beeinträchtigt“, erklärten heute das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft.
„Immer mehr onkologische Eingriffe werden verschoben, diagnostische Untersuchungen und Nachsorge teilweise stark zurückgefahren.“
Eine Versorgung dieser schwerstkranken Menschen könne bald nicht mehr gewährleistet werden. Das gelte besonders für „die 1400 Patienten, die Tag für Tag neu an Krebs erkranken“, so der DKFZ-Vorstandsvorsitzende Michael Baumann. Auch die Chefs der Deutschen Krebshilfe (Gerd Nettokoven) und der Deutschen Krebsgesellschaft (Thomas Seufferlein) finden die Situation extrem besorgniserregend.

(Paraphrase von mir, Zitate aus dem Corona-„Liveticker“ der FAZ, 14.12.2020, 11:50 Uhr, gez. v. Kira Kramer; offenbar kein redaktioneller Beitrag, sondern eine Agentur-Meldung. – Klar:
Wer will jetzt schon was von Krebskranken lesen, hören, sehen … Solln die sich doch alle verbuddeln, dann müssen wir das nicht mehr machen, gelt? Aber unsern 86-jährigen Papi, den lassen wir vom zugewanderten Sklavenpersonal jetzt unbedingt bis zum Tode pflegen. Und die Mami nach zwei, drei, vier weiteren Jährchen genauso. Die verwehen dann einfach so. Schwuppdibuh!)

Vielleicht daher dieses mein Kotzen – oder: Gedanken eines witwesken Eisbären zum sogenannten zweiten harten Lockdown

Mir – mit 43 Jahren Witwe geworden (der verstorbene Lebensmensch wurde knapp 47 Jahre alt) – wurde damals und wird bis heute, wenn ich es ‚wage‘, diesen Tod zu sagen, von allen Seiten hoch und runter gebetet (auch und gerade von Agnostikern und Atheisten), dass der Tod zum Leben gehöre.
Dass ich ihn doch also gefälligst als einen irgendwie ja auch guten Teil des Lebens endlich anerkennen müsse.
– Dabei habe ich das längst. Und das schon lange, bevor er so grauenvoll das Leben des Lebensmenschen und meins und unseres abwürgte.

Jetzt aber, jetzt leugnen seit neun Monaten alle, und am allerlautesten diese Predig*er*innen*enden [jaja, so ist das im Divers: alle enden] den Tod.
Und die alle wollen jetzt plötzlich insbesondere diejenigen, denen er am nächsten steht, die Hochbetagten, die über 80-Jahre alten Menschen vor dem Tod „schützen“, diejenigen also, die ihm als die fast letzten anheimfallen, abertausendfach und seit jeher schon und aus guten Gründen.
Nun auf einmal dürfen die nicht mehr sterben. (Und wenn doch, dann seit neun Monaten ums Gottverrecken mutterseelen allein, weil nun gar keiner mehr den Tod sehen soll und will.
Immer noch haben die meisten Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime über die Sterbenden ein Besuchsverbot verhängt.
Und ein ‚Besuch‘ in voller Corona-‚Schutz‘-Montur ist für einen sterbenden Menschen, der einer Hand und einer Wange und eines Atems und eines Blickes bedürftig ist, schlimmer als kein Besuch: so eine Todesverleugnung in Schutzkleidung ist für den sterbenden Menschen Horror. Sein letzter.)

Lustigerweise wollen alle nun diesen Schutz vorm Tod durch die Abschaffung des Lebens bewerkstelligen.
Denn das Leben ist nunmehr erneut verboten.
Kein Leben mehr in den Pflegeheimen (jenen Parkplätzen unserer Alten vor dem ultimativen Ausgang, auf denen wir sie abstellen). Und kein Leben mehr auf den Straßen, den Bühnen, in den Fabriken, Büros, Restaurants, an den Werkbänken, Schultafeln, Klettergerüsten.
~

Ja, nach nunmehr neun Monaten finde ich es nur noch zum Lachen. (Aber ich lebe auch in meinem witwesken Luftschiff wie einst der Luftschiffer Giannozzo in seinem. In diesen dünnen Luftschichten ist Humor alles – und nichts, wie alles.)

„Eros“ & „Thanatos“ – wieder nur eine „Spaltung“

Ein Blinder trägt nachts eine Fackel, derweil er die Straße entlanggeht. Gefragt, warum denn ausgerechnet er eine Fackel trage, antwortet er: „Solang die Fackel in meiner Hand ist, bewahren mich die Menschen davor, in den Graben und in die Dornen zu stürzen.“

Gesehen zu werden, so sagt Lèon Wurmser am Ende eines Vortrags von 2013 (https://www.youtube.com/watch?v=cERsvH-kyxw), an dem er auch die Geschichte dieses Blinden aus dem Talmud erzählt – gesehen zu werden „vom Anderen gibt dem Leben Schutz und Sinn“.

Es geht also zunächst nicht ums (auch biblische) „Erkanntwerden“, nicht ums ‚Durchschautwerden‘ durch den Anderen (biblisch: im Sexualakt*).
Es geht einfach erst einmal ums schlichte Gesehenwerden, ums Vorhandensein(dürfen) in der Wahrnehmungswelt eines Anderen – und damit außerhalb der eigenen Haut.

Es geht darum, vorhanden sein zu dürfen in der Welt, die auch immer nur eine wahrgenommene ist.
Einfach erst einmal vorhandensein dürfen als Wahrnehmungsfaktum brutum im Blick eines Anderen. Ohne Durchschauen, ohne Durchsehung, ohne Penetration, ohne Perspektive, ohne Deutung.

Aber alle wollen nur WEG SEHEN, wenn ein blinder Fackelträger ihren WEG kreuzt (oder ein Schwerkranker oder ein Verwitweter; das ist einerlei).
Alternativ zum Wegsehen exekutieren sie manchmal ein Erkennen, also ein Durchschauen, Durchdringen und Deuten des blinden Fackelträgers.

Dessen Fackel geht dann immer aus.
Und er trägt dann nichts mehr außer seiner eigenen Haut.
Und er steht dann, weil es mangels Welt um ihn keinen Weg mehr gibt.

(So ist das zum Beispiel im Witwesk.)

*1. Mose 4,1: „Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain […]“

Fehler beziehungsweise Antwort gefunden.

Leicht ist es, positive oder zumindest optimistische Vorstellungen über die Gattung „Mensch“ zu entwicklen, wenn man jahrzehntelanges Gehaltensein in Liebe zu und von einem Lebensmenschen (und meist auch in bürgerlich-saturierten Lebensumständen) erlebt.
(Auf dem Weg dahin war ich einst selbst.)

Diejenigen, deren Leben anders verläuft, dürfen andere Vorstellung entwickeln.

Sage, witwesker Eisbär, nicht, dass Tode so sinnlos seien wie das Leben – oder: Nochmals zum Tod von Klaus Heinrich

Angesichts

Seitdem er gestorben ist, beschäftige ich mich wieder mit Texten von Klaus Heinrich (gedruckten, und auch hörbaren – ♥ an einen). Auch habe ich die Video-Aufzeichnung einer Veranstaltung über das biblische Buch Jona gefunden, deren herzerfreuend gescheiter Hauptredner sich offenbar massiv auf Heinrichs Überlegungen dazu stützt (ein mir bisher unbekannter Professor der theologischen Grundlagenforschung namens Jakob Helmut Deibl – und eine so großartige und zeitgemäße Disziplin, die all diese unsäglichen „digital humanities“ schlicht einsackt, können sich vermutlich nur noch Universitäten in Österreich leisten):
https://www.youtube.com/watch?v=fe6LjhIX0pc&list=PLhXw7cMqKh5Tjqbu37A7QOyOxwfdCnjGF&index=35

Und wie schon damals vor etwa neuneinhalb Jahren beim Erstkontakt mit Klaus Heinrich („Erstkontakt“ zunächst als Erzählung, dann in Gestalt einer Primärschrift) frage ich mich erneut:
Wie kann einer so erzintelligent, so grundgescheit, so bodenlos belesen sein – und gleichzeitig dermaßen menschenfreundlich, ja: bemüht (und zunehmend auch bekümmert) um den Fortgang der Gattungsentwicklung?
Wie, zum Teufel, passt das zusammen? (Bitte, sag’s mir!)

{Immerhin: Eins der letzten Interviews mit ihm zeigt ihn für mein Empfinden auch ansatzweise rigide und rechthaberisch – aber was tun, wenn man 70 Jahre lang recht hat mit seinen Überlegungen zum Menschsein?
(https://www.deutschlandfunkkultur.de/selbstaufklaerung-und-verdraengung-der-gesellschaft-ein.2162.de.html?dram:article_id=399906) }

Philantrop sein und gnadenlos gescheit dank tiefster und weitester Bildung – mich macht das, ja: Was?
Unruhig: Mich bringt das aus meiner Ruhe. Denn ich verstehe nicht, wie das zusammengeht.

Ich denke über Naphta und Settembrini nach (ohne bislang nachgelesen zu haben, nur aus der Erinnerung gespeist). Ich denke an meinen Doktorvater und späteren Freund, sein sehr spezielles Alters‚schicksal‘ und das Strahlen in seinem Gesicht, mit dem er heute – der Worte verlustig gegangen – die Menschen anblickt (nicht alle und nicht immer, aber fast alle bei der Begrüßung).
Ich denke auch an einen, der mich vor etwa neuneinhalb Jahren von Klaus Heinrich wissen ließ, und der sich bis heute ab und an auf die Eisscholle zu mir setzt (er ist immer dafür pekuniär entschädigt worden, wenn auch vermutlich nicht vollumfänglich, aber das werden ohnehin nur Manager, und die für nichts). Der hat das zu seinem Beruf gemacht, sich auf Eisschollen, Stacheldrähte, Kreissägen, Schweigefalltüren, Erinnerungsbomben und zu Lebensmüdig-&Wortverlustigkeit zu setzen. Der ist auch ziemlich belesen, besehen, grundgescheit und hat bei Klaus Heinrich studiert.
Und der hat mich, seitdem ich den kenne, schon immer – ja, was gemacht?!

Unruhig.
Mich bringt der aus meiner Ruhe, knallt mir Konflikte hin, Fragen, gnadenlose Offenheiten, Ungelöstes – und zwar schlicht durch diese Menschenfreundlichkeit, von der Gattung immer wieder überrascht sein zu können und nie in der Neugier und dem Verstehenseros nachzulassen, die noch meinem Doktorvaterfreund tief aus seinem Gesicht strahlen, wenn er einen da von jenseits unseres Verstandesverstehens anblickt.

Vielleicht irre ich mich und es ist doch mehr in dieser Gattung als nur ein, bald behobener, Evolutionsirrtum in Gestalt von Vernichtung durch Gier (nach Macht und als dessen Derivat nach Geld).

Schon länger frage ich mich, wie meine Einstellung als witwesker Eisbär zur menschlichen Gattung mit meinen früheren Menschenerfahrungen im Zusammenleben mit dem Lebensmenschen passen kann. –
Bislang habe ich über diese Frage geschwiegen. Nicht nur, weil ich keine Antwort darauf habe, sondern allein schon, weil ich die Frage entsetzlich finde.
Alles, was entsetzlich ist, muss angeschaut werden, augenklar.
(Was entsetzlich ist, setzt einen von seinem Ruheort ab, löst ihn aus allen Bindungen, jagt ihn in Schrecken, Furcht* und Lähmung. Und befreit ihn manchmal von dem, was ihn belagert. – Schlage nach im Grimmschen Wörterbuch.)
Demnächst werde ich diese Frage mir hier wohl laut stellen.

*Ich schrieb tatsächlich erst einmal „Frucht“, wo ich doch „Furcht“ meinte, nicht wahr? Dass diese freudschen Fehler immer so obszön simpel sein müssen, finde ich entwürdigend. Das hilft aber nix.

Aufgeräumt

habe ich jetzt wieder. Außer mir liest hier ohnehin keiner nach.
Ein „Archiv“ braucht dieser Blog also nicht.
Meine Geschichte teile ich mit niemandem mehr.

Momente von ein paar Jahren und sogar einigen Lebensjahrzehnten teile ich noch mit einigen Menschen, aber nicht meine Geschichte.
Das ist mir erst vor kurzem endgültig klar geworden in einem Freundschaftsgespräch, das tief und offen, innig und schwer war, ohne dass wir es währenddessen wussten.

Ich bin allen fremd, die ich noch kenne. Sie leben alle ganz normal ihre Geschichte von Beruf, Beziehung, Familie, kaum ein Tod dabei und wenn dann maximal ein Elternteil. Ich bin die Fremde. Die mit der Geschichte, die keiner teilt.

Und die keiner lesen will. Weil keiner dem Tod zuhören möchte (das hat mir ein Verleger geschrieben, und er hat nur gesagt, was ist).

Ich bin die Fremde unter euch. Meine Archive sind sinnlos.

Jahresendzeit – Zeit der Bilanzen

  • Stundenlohn, netto (als selbstständige, zwangsrentenversicherte Honorarkraft in vom Bamf bezahlten sogenannten Integrationskursen – Mindestvoraussetzung zur Erlangung der Arbeitserlaubnis: akademisches Studium):
    realiter etwa 9 Euro, laut Rechnungen knapp 20 Euro (weil wie immer neben Urlaubs- und Krankenzeiten auch keine keine Vor- und Nachbereitungszeiten und in diesem Jahr auch nicht der Dokumentationswahnsinn der Corona-online-Unterrichtsmonate vom Bamf bezahlt werden).
  • Lektüren:
    womöglich knapp 10 „Ganztexte“ in diesem Jahr – hirnvernichtend wenig also (und die unzählbare Menge an Zeitungsartikeln, Buchrezensionen und sonstigen Hypertexten macht da nicht etwa irgendetwas besser).
  • Trauer:
    ein ebenso schwer fassliches Phänomen wie vor zehn Jahren, als sie in Reinform in mein Leben trat (die Trauern zuvor waren lebenszyklisch korrekt gekommen – die Großeltern, der Vater – und entsprechend abgefedert wieder gegangen); mittendrin ich, mitten im Tod der Lebensmensch. Seit einer Dekade also Sein statt Werden.
  • Perspektiven:
    Ich weiß jetzt, warum ich zu diesem Thema promoviert wurde vor 20 Jahren (das hatte ich mir ja selbst gesucht), denn es einmal wenigstens versuchshalber durchdrungen zu haben, ist bis heute hilfreich. Und dass meine Augen, seitdem ich denken kann, einen brillenbedingenden Astigmatismus aufweisen, erscheint mir auch passend: angeborene Zentralpunktlosigkeit, also keine Perspektive – jetzt ist das in alle Lebensdimensionen eingekehrt.

Eine, nein: die Freundin merkte kürzlich an, dass man nur selbst (s)eine Perspektive entwerfen und blah und blubb – ja. Ja sicher, das ist völlig richtig: das kann man nur selbst, egal ob als Konstruktionsskizze für ein Fresko, ein Leinwandbild oder als temporären Lebensplan.
Man sucht den Fluchtpunkt immer selbst aus. Bis auf den Tod. Der ist der ultimative Fluchtpunkt. Der einzige, den wir Lebewesen tatsächlich erreichen – und das auch nur, weil er unseren Lebensweg und unsere Fluchtlinien zu sich hin zusammenschnurren lässt.

Und das freut eine wie mich, die kein Interesse mehr daran hat, um irgendwelche ohnehin nie erreichbaren selbstgesetzten Fluchtpunkte zu kämpfen (denn ja: so ist das mit der perspektivischen Bildkonstruktion!; alle Fluchtpunkte ist die uns unvorstellbare Null).
Ich bin kein von Fluchtlinien flankierter Unterwegsmensch mehr. Ich bin ein witwesker Eisbär. punto. Und alles hier ist gleichermaßen eisweiß. Keine Linien. Keine Oberfläche. Keine Tiefe. Einfach weiß.

Und das ist auch ein Ergebnis der Gattungsentwicklung unter „Corona“: Dass ich sehen musste und noch immer dabei zusehen muss, wie grausam die Gattung „Mensch“ bereit ist, völlig sinnlos den Tod zu verleugnen und dabei über unzählige Leichen zu gehen, hat mir als einstiger Mensch den Rest gegeben.
Jetzt ist es hier einfach weiß.

Sieht gut aus.

PS: Klaus Heinrich ist gestorben

Am 23.11.2020, mit 93 Jahren. Ich habe ihn nie erlebt, nie eine seiner „Vorlesung“ genannten peripatetischen Wanderungen besucht. Persönlich bedauere ich das sehr. Denn für mich ist er der Klügste, den ich je gelesen (und übrigens auch per Aufzeichnung im Radio gehört) habe (und ich hätte ihn grad noch so erleben können, wenn an meiner Uni nicht so ein Widerwille gegen die Psychoanalyse geherrscht hätte, und wenn ich nicht so unbedarft gewesen wär’).
Doch offensichtlich hat auch er nichts von dem, was ihn beseelt hat, „übersetzen“ können: Die akademische Welt ist seit etwa zwanzig, dreißig Jahren tot. Und mit ihr alle einstigen Trabanten. Auch die Psychoanalyse. – Weit und breit keine „Balance“ mehr.
So ist das mit der Gattung „Mensch“. Ihr ist die Vernichtung zutiefst innerlich.

Ein paar Zahlen (immer gut ohne Worte)

Die Kohortensterbetafel des Statistischen Bundesamtes, abgerufen heute, am 25.11.2020 (https://www-genesis.destatis.de/genesis/online?operation=previous&levelindex=1&step=1&titel=Ergebnis&levelid=1606344455180&acceptscookies=false#abreadcrumb),
besagt, dass Menschen, die 1963 geboren wurden (wie der Lebensmensch), zwischen 76,5 (Männer) und 83,5 (Frauen) Jahren alt werden werden.
Sie besagt für Menschen, die 1940 geboren worden sind, dass sie zwischen 68,8 (Männer) und 76,7 (Frauen) Jahren alt geworden sind (und mithin nun im Durchschnitt schon ein paar Jahre tot).

Dass diese Menschen statistisch mindestens fast 22 Jahre älter werden, als der Lebensmensch es geworden ist, „verdanken“ sie solch jungen Toten wie ihm. (Statistik ist kompliziert.)
Meine mir persönlich bekannten SeniorInnen – und bis auf einen leben sie noch allesamt – sind nunmehr alle 35-40 Jahre älter, als er es geworden ist, und damit sogenannte Hochbetagte.

Heute las ich in einem von mir selten zur Kenntnis genommenen Presse-Erzeugnis (der Weg dorthin führte über einen link), nämlich in der BILD-Zeitung, ein paar Zahlen zu den Covid19-Toten, die aus den RKI-Todesmeldungen stammen.
Mich haben sie nicht überrascht. Ich lese seit neun Monaten nichts anderes, wenn es um die „Pandemie“-Toten geht (nur muss ich normalerweise richtige Anstrengungen betreiben, mühsam recherchieren und Quellen kombinieren, um an diese Zahlen zu kommen, denn die liest man sonst allenfalls in Fachzeitschriften und eben à la in der Natur der Sache begründbaren Salami-Taktik in den Statistiken des RKI).
Von den zwischen dem 17. und dem 24. November 2020 in der BRD an/mit Covid19 Verstorbenen waren 68 % über 80 Jahre alt, weitere 20 % waren zwischen 70 und 79 Jahren.
Vier – in Ziffern: 4 – % waren unter 60 Jahren alt. Und 0,52 % waren jünger als 40 Jahre.
(https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/aktuelle-corona-zahlen-ausgewertet-nur-vier-prozent-der-verstorbenen-waren-unter-74126920.bild.html, abgerufen 25.11.2020)

Wenn ich mir die Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes ansehe, denen zufolge zum Beispiel diejenigen Menschen, die hierzulande 1940 geboren worden sind, im Schnitt mit knapp 70 (Männer) und knapp 77 (Frauen) Jahren sterben, und wenn ich mir die Todesalter der zum Beispiel letzte Woche an/mit Covid19-Verstorbenen ansehe (68% über 80), dann frage mich mich, wie viele junge Menschen eigentlich schon immer sterben mussten und weiterhin sterben müssen – natürlich nur rein statistisch betrachtet –, damit wir es gesamtgesellschaftlich auf so viele über 80-Jährige bringen können, wie sie jetzt leben.

Und ich frage mich, warum eigentlich niemand mehr einfach nur dankbar ist – dafür, so viel älter zu werden als der Durchschnitt; ich frage mich, warum stattdessen alle es als selbstverständlich betrachten, so viel älter zu sein und noch viel älter zu werden; ich frage mich, warum die Menschen ewig vorhanden sein wollen in ihrer sinnlosen Existenz, ihrer tumorartigen Welt, die als finale Raumforderung alles andere Weltgewebe von Beginn an zersetzt.
{Und nun ist auch noch der einzige Raum guten menschlichen Versuchens, Scheiterns und Gelingens zugesperrt worden oder ins private Kabinett zurückverwiesen, um dort – endlich, so frohlocken die Finanzkapitalbeweger und –verweser gestrafften Lids – zugrundezugehen. Keine Orchesterprobe findet mehr statt, kein Museum mehr ist betretbar, Galerien nur für den, der kaufen will statt zu sehen, und der Buchmarkt lebt auch nur mit aller Kultur, die jetzt geschleift wird.}

Vor zehn Jahren sind wir auch irgendwann eingeschlafen

in dieser Nacht in diesem völlig neuen Krankenhaus (seit etlichen Wochen wieder einmal Krankenhaus), das wir am Nachmittag des 11. November bezogen hatten.
Es ist jetzt zwanzig nach zwei in dieser Nacht.

Knapp 14 Stunden später werden wir tot gewesen sein.
Das Sterben war damals für uns beide unfassbar. Und das ist es bis heute, wenn auch nur noch für mich.

Und ich bin nicht mehr ich. Eine andere Corinna Laude ist seither vorhanden, eine blasse, eine manchmal bösartige, eine ohne Boden, Wände und Dach, denn alles Bauen, Errichten, Konstruieren hat sich damals als Illusion erwiesen.
Wo keine Wand, da kein Fenster mehr. Wo kein Fenster mehr, da keine Perspektive.
Nur noch das offene blaue Nichts.

In diesen zehn Jahren ist das immer offener und bläulicher geworden.
Wenigstens das.