Altern

245 Altern
„Alter ist das Geschenk, als Mensch als (sein eigenes) Bild vollständig zu erscheinen.
Ich erlebe es als ein Privileg, diesen Weg gehen zu dürfen. Er ist, wie bereits flüchtige Blicke in die Menschheitsgeschichte belegen, alles andere als selbstverständlich. Wer altern darf, kann sich in einem anhaltenden Prozess bis zu seinem Ende hin verändern.“
(Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter. Ein Aufbruch. München 2018, S. 44.)

Das las ich kürzlich.
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Der Lebensmensch wäre so gern wenigstens 50 [sic! Das ist abstrus alt für Menschen, deren Babies oder Kleinkinder sterben oder die selbst sterben als Teenager oder junge Erwachsene. Das ist abstrus jung für die überwiegende Mehrheit der Menschen hierzulande, die im Schnitt deutlich mehr als 25 Jahre älter wird] geworden.

Doch schon der 47. Geburtstag, den er knapp noch überlebt hat, ließ sich nicht mehr „feiern“, auch nicht mehr nur unter uns zweien, in all dem – nicht zuletzt ärztlichen – Irrsinn, all der Angst, all den vagabundierenden Schmerzen, die aus diesem Irrsinn und der Angst resultierten (und ich denke weiterhin, dass „der Krebs“ nur das Etikett war, das die Ärzte dem auch von ihnen mitverursachten Irrsinn, der auch durch sie entstandenen Angst und den auch durch ihr Tun geschaffenen Schmerzen aufklebten).
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Ich bin mir ziemlich sicher: Wäre nicht der Tod zuvor gekommen – wir hätten das gut geschafft mit dem Altwerden.

Hätten uns nicht gegenseitig altersbedingt verlassen. Hätten uns nicht voreinander geekelt. Hätten statt dieser offenbar bis heute völlig normalen Klischee-Handlungen (s. Draesner, a.a.O., S. 8 pass.) unser vorhandenes „Maschentausendaberweit“ (© Elke Lasker-Schüler) weitergewebt, so beharrlich, so konfliktoffen und so liebend wie in den 13 Jahren vor dem Krebs. Hätten irgendwann kaum noch Angst vor dem Tod gehabt. Und hätten uns in Ruhe und ruhig und liebend verabschieden und gehen lassen können für den Fall, nicht gemeinsam zu sterben.
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Ich bin mir ziemlich sicher: Wir hätten nach den knapp 14 Jahren, die wir hatten, weitere dreißig, vielleicht gar vierzig Jahre gut gemeinsam alt werden und dann gut sterben können.
Und unsere Liebe auch.

Ich weiß, dass der Lebensmensch sich dessen ebenfalls ziemlich sicher war.
Ich weiß, dass er gern alt geworden wäre; am Ende zumindest 50, noch drei Jahre mehr.
Ich weiß, dass er diese Jahre gern mit mir geteilt hätte – wenn auch nicht jeden Tag und jede Stunde davon (so wenig, wie ich das mit ihm hätte tun wollen; so wenig, wie wir es bis dahin getan hatten).

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Vor einiger Zeit hat im Witwesk etwas zu geschehen begonnen, das ist – nochmals eine Lektion im Allein²-Sein.

Nach dem Tod (den ich damals vergeblich auch GANZ für mich zu erkämpfen versuchte) war ich jahrelang ‚tot‘, schockgefrostet, alles stand. Auch mein Körper, der seine Fertilität während des akuten Todes – also während der Zeit vor/in/nach dem letzten Tag – beendet hat, was ich bis heute vollkommen logisch und richtig finde.

Seit einiger Zeit aber, vielleicht seit zwei, drei Jahren, bewegt sich mein Körper wieder: Er altert.
Das Körperfett verteilt sich altersgemäß um: Ich habe nun bekommen, was ich seit meinem 14. Lebensjahr nicht mehr hatte: einen „Bauch“ zum Beispiel und einen „Busen“ – also etwas, das, damit es nicht zerläuft, durch BHs eingehegt werden muss, die ich nie trug.
Die Hautbeschaffenheit verändert sich altersgemäß: Ich habe nun schlappige Hautlappen unterm Kinn und um den Adamsapfel herum, Knitterfalten am Oberschenkel, wenn der freischwingt, und Furchen um den Mund bekommen, auch wenn der meist schweigt.

Mein Haar indes ist immer noch weitgehend farbig.
– Klar: Ich habe nach dem Tod und nachdem ich erfahren musste, dass ich den meinen trotz aller Bemühungen noch nicht ganz haben kann, mir das „broken-heart-Syndrom“ ebenso vergeblich gewünscht wie wenigstens „weiß zu werden über Nacht“ (zumindest das liest man doch immer von liebenden Witwen, übrigens auch von Ulrike Draesners Mutter, a.a.O., S. 61).

Ich sehe seltsam aus.
Chimäre aus Enddreißigerin auf dem klaren Weg zur Professur, Anfangsvierzigerin in SterbenundTod und 52jährigem witweskem Eisbären mit Schwabbelbauch, Schlappbusen und sonstigen Körperfurchen im Frei von & zu. Und als Kind dränge ich mich nunmehr manchmal auch noch dazwischen in Gestalt von gnadenlosem Glücksglucksen und bodenloser Verlorenheit.

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Ich sähe so gern, wie mein Lebensmensch jetzt aussähe.

Ich sähe ihn so gern an.
Jetzt. Und später. Und bald. Und gleich. Und nun. Und immer wieder. Und morgen früh beim Kaffeetrinken, oder dann in ein paar Tagen, ein paar Wochen.

Und ich habe keinen Satz dafür, wie sehr ich mich nach seinem Geruch sehne.

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