„Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (Victor Klemperer)

Vor 25 Jahren waren wir genau heute auf einem Tagesausflug in Mainz. Und danach hat er mich aus dem Irrsinn an den Comer See gebracht; wir ahnten: Etwas hat sich offenbart, doch sehen konnten wir es nicht.
Vor 20 Jahren haben wir vor drei Monaten das Rauchen aufgegeben.
Vor 15 Jahren waren wir seit bald einem Jahr tot.
Heute habe ich die von mir erneuerten Fliesenfugen im Bad überprüft: Alles perfekt. Die neu gezogene Silikonnaht an der Badewanne ist die 3. und die beste meines Lebens.
Der Lebensmensch kennt all das nicht: Nicht die geteilte Wohnung, nicht das Fast-Alles-Zimmer, nicht das Geschirr, nicht die Bettwäsche, nicht die Gläser, nicht die Bilder an der Wand, nicht die Matratze und nicht die neuen Fugen im Bad. Von der Welt zu schweigen. Und damit kenne auch ich, die ich Teil von uns war, es nicht;
das ist nicht zu sagen
– ein Teil von mir, kein unwesentlicher, kennt all das nicht, er ist damals gestorben, ohne tot zu sein, bis heute nicht. Und er kennt nichts mehr und findet sich nicht mehr zurecht, sondern nur noch Fragen – was wiederum gut ist, weil der Rest von mir, der noch lebendig ist, atmend, auch fast nur noch Fragen hat.
Wenn er nicht gerade lacht.
Oder dichtet. Zum Beispiel Fliesenfugen und Silikonfugen und Text.
Die, mit denen ich noch Kontakt habe, altern nunmehr schnell.
Ich betrachte die kleinen, hängenden Schwabbelpolster an meinen in die Waagerechte gestreckten Oberarmen, die hamsterigen Faltenausbuchtungen um und unterhalb meiner Mundwinkel und die Hahnenkamm-artige Haut meines Halses – und muss lachen. Belustigt, weil ich das erleben darf: ALTERN. Und zutiefst traurig, weil er das nicht erleben darf, wie ich altere, und wir beide nicht, wie er altert.
