Ferienende

269 Nein!

„Man kann nicht nicht begehren.“ Nein?
Manchmal wird selbst mein Zwerchfell ganz schlaff.
Nur reicht die Zeit nicht, vorerst.

Das Ferienende dachte ich angemessen mit einer Faulheitsorgie zu begehen.
Auch das aber war wieder nur ein Denk(- und Tuns)fehler. (Immerhin habe ich keine Rückenschmerzen davongetragen.)
Gezeigt hat mir das nur erneut: Solange ich ich bleibe, gibt es keinen Weg da heraus, und wenn ich mir fremd werde, gibt es gar keinen Weg mehr.
~ ~ ~

Neuerdings höre ich den Satz „Du kennst das ja alles“ – und ich schreie: NEIN! Doch ich weiß: auch das hört keiner.

Seitdem die Nachbarin im zarten Alter von knapp 70 gestorben ist, sagen mir alle, wenn sie über den Witwer sprechen, und sagt mir der Witwer selbst, wenn er über sich spricht: „Du kennst das ja alles.“

NEIN!

Ich weiß nicht, wie das ist, wenn der Lebensmensch zwanzig Jahre älter als meiner werden durfte.
Ich weiß nicht, wie das ist, wenn der Lebensmensch nur ein paar wenige Wochen – und noch dazu völlig indifferent (Gastritis, Colitis, sonstwas -itis?) – ein wenig vor sich hin leidet und dann stirbt.
Ich weiß nicht, wie das ist, wenn man sich um die Beerdigung des Lebensmenschen kümmern muss, denn ich war erst am Grab wieder zugegen.
Ich weiß nicht, wie das ist, wenn man vier Wochen nach dem Tod des Lebensmenschen über Urlaubspläne nachdenkt, denn seit unserem Tod gibt es keinen Urlaub mehr.

Dieser Nachbarstod radiert also noch einmal über uns – den Lebensmenschen und mich – rüber. Denn es wird behauptet, dass ich das alles kennte, was mir indes vollkommen fremd ist.

Wieder einmal machen Unbedarftheit, Gutmeinen und die Unfähigkeit des Ausblicks über sich selbst hinaus, dass gemacht werden soll: ‚Nie hat es den Lebensmenschen und mich gegeben.‘
(Das wäre in meinem Falle zweifelsohne auch besser.)
Nur HAT es uns gegeben.

Und ich habe Stacheln, Zacken, Messer und Glassplitter in meinem Fell.
Ich habe sie jetzt alle aufgestellt.

{ Zeitung lesend frage ich mich, welche irrsinnigen Kapriolen des Menschen Geist eigentlich noch schlagen soll? Fast 40 Grad in Sibirien. – Und wir fürchten „Corona“? }

Löwidows Kreise

268 Kreise ziehen
Heute habe ich begonnen, etwas enger einzukreisen.
Kreise darum herum ziehe ich schon sehr lange. (Das machen Katzen so. Als witwesker Eisbär allerdings verachte ich das.)

Heute habe ich mit dem flitzeroten Fahrrad die ersten zwei Routen zur Gemäldegalerie ausprobiert, die eine auf dem Hin-, eine andere auf dem Rückweg.
Zufrieden mit diesen Routen bin ich noch nicht. (Auf der einen gerät man ständig in Bushaltestellenanfahrtsmanöver von der dort verkehrenden einen Buslinie, die sich noch schlimmer gestalten als diejenigen der vielen Busse auf dem Ku’Damm – was etwas heißen will …) Denn ich möchte nach wie vor vermeiden, dass ein anderer als ich meinen Tod verursacht.
Notfalls aber – also wenn die Alternativen sich als noch unwirtlicher erweisen sollten – gingen auch diese zwei Wege zu den Bildern. (Und ich bin auf allen Routen dorthin etwa genauso lange unterwegs wie zu einem Ort, den ich öfter sogar zweimal in der Woche ansteuere, weil er ein Dornenhag ist schon seit vielen Jahren.)

Im nächsten Jahr ist in der Gemäldegalerie eine Spätgotik-Ausstellung geplant, wie ich heute sah.
Als ich das heute sah, sprang etwas in mir hoch und an. (In Leben #1 waren Spätgotik und/oder Frührennaissance – je nach Standort dies- oder jenseits der Berge – sehr lange meine Begleiter; und das waren wohl meine besten Jahre.)
In die Niederlande, nach Belgien, Wien, in den Prado oder nach Italien werde ich aus persönlichen Gründen nicht mehr kommen. Vielleicht aber im nächsten Jahr in die Gemäldegalerie auf irgendeiner dieser insgesamt eher unwirtlichen Fahrradrouten. – Sofern Herr Drosten und Frau Merkel, oder wie die dann auch immer heißen mögen, Gemäldegalerie-Besuche trotz all ihrer persönlichen Todespanik im Frühjahr 2021 gestatten werden. (Was, wie nun seit März diesen Jahres ja gelernt werden musste, keineswegs ausgemacht ist.)

Diese Überlegungen implizieren:
Erstens, das Jahresticket zu kaufen;
zweitens, das komplette Jahresticket zu kaufen (also das doppelt so teure, weil nur da auch die Sonderausstellungen mitinbegriffen sind);
und drittens sogar, warum.

Weil
es heute einfach eine Lust war, mein neues Kleid auf dem flitzeroten Fahrrad spazieren zu fahren (jaja, so ist das, wenn Löwidow unterwegs ist);
es für solche Fahrten (die im Notfalle übrigens auch in der U-Bahn zurückgelegt werden könnten) immer sehr, sehr gut ist, ein Ziel zu haben;
und weil in dieser musikleeren Zeit die Bilder, die ja nun endlich wieder zugänglich sind, während die Musik immer noch verboten ist, sich zunehmend lauter bemerkbar machen in meinem Kopf. Wiewohl sie naturgemäß nicht „klingen“ oder gar „rufen“ – das nicht, aber sie leuchten ausschnittsweise immer wieder einmal auf, neuerdings, da in meinem Kopf. Der heute auf einem Rumpf saß, welcher ein neues Kleid spazieren fuhr. Und das war genauso eine Lust, wie es das Aufleuchten jener Bildausschnitte ist und die Vorstellung, womöglich noch einmal das Ganze sehen zu können (das nicht „komplett“ heißen kann).

Ja, deshalb.
Ziehe ich Löwidow meine Kreise. Enger. Um jene Lust.

{ Und der Rest der Menagerie hat heute hier zu schweigen! Es reicht, dass der Vorderreifen vom flitzeroten Fahrrad immer noch singt und der Mitbewohner angefangen hat zu schnurren. }

Frei von und zu

267 Frei von und zu

Jemand ist gestorben, ist „noch nicht einmal“ 70 Jahre alt geworden (so sagen dann alle dazu: „noch nicht einmal“. Ich denke: Das sind mehr als 20 Jahre, die der Lebensmensch und ich nie hatten – und damals, vor 12 Jahren, waren 20 Jahre so ziemlich unser halbes Leben).

Als ich davon hörte, hat es nicht lange gedauert, bis ich dachte, dass das hier womöglich das Haus der ‚frühen‘ Tode sein oder werden könnte, und ich musste trocken auflachen, was natürlich, als ich das auch in einem Gespräch tat, nur Entsetzen hervorrief. Tja.

Und dann hat doch noch einmal die Mühle meiner Erzeugung gemahlen.
Hat mich wieder zermahlen. Und raus kamen die üblichen Höflichkeitsplätzchen, diesmal Trauerarbeitsküchlein.
Die ich klick-klack-klick-klack vor der Tür des Trauerhaushalts, genauer: in dessen Türrahmen stehend und sie persönlich übergebend, erzeugungsgemäß abgeliefert hab. Klickklackklickklack.
Hinter jener Tür trauert einer, den ich überhaupt nicht kenne. Und der damals, als mein Lebensmensch gestorben war, den er genauso wenig kannte, mir nie ein Wort dazu gesagt, geschweige denn Trauerhöflichkeitsempathiecookies übergeben hat.

Ich habe nun per Handschrift und per Essensüberreichung kondoliert.
Und mir ist in der Begegnung mit diesem Trauernden so deutlich geworden (wieder einmal), dass ich völlig anders bin.
~ ~ ~

Ich hatte zunächst zugesagt, zu der Beerdigung der mir bis auf ein Dreiminutengespräch vor etwa zwei Jahren (das im Hinterhof am Papiercontainer stattfand, aus dem ich ihren drin verlorenen Schlüsselbund herausfischte) völlig unbekannten Verstorbenen zu kommen.
Auch diese Zusage war der Benimm-Mühle geschuldet, die Höflichkeitsmehl mahlt, aus dem dann alles Mögliche, darunter auch Kondolenzplätzchen, gebacken wird, und die – wie auch die Backstube – vollautomatisiert läuft.
Leider manchmal immer noch.

Es hat auch jetzt wieder ein bisschen gedauert. Aber es ist doch noch entstanden.
Ich weiß jetzt, dass ich zu dieser Beerdigung nicht gehe.
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Es hat wieder ein bisschen gedauert. Immer noch dauert es ein wenig.
Aber es gelingt dann und wann:

Frei von und zu.

Input

266 Input

heißt das Zauberwort. Es gibt kein deutsches Äquivalent dafür („Speisung“ fand ich, doch so zutreffend das auch ist – es sagt etwas Anderes mit, das [mir] nicht passt).

Input, dessen sind auch witweske Eisbären noch bedürftig. (Was heißt hier „auch“?)
Wenn ich Input bekomme, kreise ich nicht nur um mich.
Wenn ich Input bekomme, bleibt ein Luft-Kanal offen, so dass kein Ersticken ist.
Wenn ich Input bekomme, gehe ich nach draußen, und gebe dort selbst – Input.

Das DaZeln – alles Input. Hin und her. {Und übrigens, denn ich bin aufgund meiner Erfahrung imstande, das zu vergleichen: DaZeln ist viel mehr Input und vor allem viel mehr Hin-und-Her-Input, als alle Uni-Lehre es je sein kann, wird nur leider etwa drei bis fünf Mal so schlecht bezahlt.}

Die Opern, die Konzerte – alles Input. (Und wie herrlich, dass deren Besuch heißt, zwei-, dreimal nach draußen zu gehen, nämlich wenn man eintritt, wenn man in die Pause geht, und wenn man das Opern-, das Konzerthaus wieder verlässt.)

Die Bücher – Input. Der allein aber nicht hinreichend ist. Vielleicht, weil es da kein Hin und Her, keinen Gang nach draußen gibt. Vielleicht, weil ich noch nicht
– was auch immer, jedenfalls fehlt mir da noch etwas zu.

Und jetzt fehlt mir langsam massiv leibhaftig erlebbare Musik, fehlen mir Oper und Konzert (DaZeln darf ja für mich noch sein, noch).

Also wäre vielleicht eine Übertragung angeraten.

Zurück auf was Altes. Auf die bildenden Kunst des Mittelalters und der (Früh-)Renaissance. In die Gemäldegalerie.

(Dort war ich, als ich es hätte sein sollen, fast nie, damals um die Dreißig, als ich meine Diss. schrieb, und oft dreihundert Meter entfernt an der Ausleihe stand.)
Mit dem Lebensmenschen habe ich dann Giotto in Assisi und Piero in Arezzo und noch paar andere andernorts gesehen. – Input.
Der bis heute nachwirkt.
Unter anderem in der Seelenforderung namens Input, hin und her.
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Vermutlich also werde ich nun doch noch ein Jahresticket für die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erwerben. – Als ich kürzlich erfuhr, wer in deren ‚Bewertungskommission‘ den Vorsitz innehatte, musste ich so herzlich lachen, dass tatsächlich 50 Euro irgendwo aus mir herauskollerten.

(Eigentlich weiß ich seit Jahren, dass das was Gutes wär’, wenn der witweske Eisbär dort, inmitten all der auf die Leinwände gemalten Menschen und all der in die Leinwände gesagten, geflüsterten, geschieenen und stumm gebannten Gedanken, wäre.)
Ich denk’, ich leiste mir das jetzt. ’S flitzerote Fahrrad ist auch fit, das Wetter kein Kriterium.

Und ja: Ich weiß, dass 50 Euro ein Leben retten können.
Ich werde mir das vermutlich trotzdem leisten.

In eigener Sache

54 Ziffern
Ich habe uns – dem Lebensmenschen und mir – vier Monate geschenkt. Ich habe mich verrechnet.

Alle Jahre im Sommer beginne ich das Witwesk neu (diesmal bin ich bislang nur einfach noch nicht die alten Texte durchgegangen. Und nur die Bilder dürfen dann meist bleiben, denn sie sind oft auch mir nicht ganz verständlich, und sie laufen hier ohnehin in aller Öffentlichkeit off the record). In diesem Sommer habe ich das Witwesk mit dem Eintrag vom 10. Juni (der als 11. hier erschien) begonnen, habe begonnen mit der „Peritonealkarzinose“.

Und da habe ich uns vier Monate geschenkt, vier Monate, die wir nie hatten.
Diagnose 1 war am 05.08.2009.
Diagnose 2 kam am 10.06.2010.
Also nach zehn Monaten statt nach „einem Jahr und zwei Monaten“, wie ich in jenem Beitrag schrieb.

Das sagt, was war.
Zu schnell, um mitzukommen, waren wir nach fast genau 15 Monaten tot.

Musik

172 8 Opern
Nach über vier (in Ziffern: 4) Monaten war wieder leibhaftige Musik für den witwesken Eisbären (und paar Menschen): Im Schlossgarten (mit Kostümbrimborium, das ich mindestens verzichtbar fand), bei bissl kalter Sonne und mit einem frank und frei bemühten Ensemble, das dort, wo des Bemühens zu viel und des Könnens zu wenig war, umwerfend enthusiastisch vorhanden gewesen ist – merci!
(Nun gut, gelernt hab ich jetzt, was man an den sogenannten großen Häusern hat resp. wie verwöhnt man dadurch wird, selbst un- nein: kontramusikalische Kretins wie ich.)
Doch: Weit und breit ist kein Mahler, kein Wagner, kein großes Badabumm, und auch kein Filigranmomentum für mich in Hörweite. {Das wird zunehmend bitter.}

Die Musik spielt woanders: Zu den nunmehr 500.000 mehr als zusätzlichen Aidskranken, die wir in diesem Jahr dank unserer „Corona-Maßnahmen“ in den Tod schicken (s. Eintrag vom 12.07. mit Quellenangabe), kommen langsam auch all die Millionen anderer Toten, die wir – ein spezielles Merci an Herrn Prof. Dr. Christian Drosten und Herrn Prof. Dr. Lothar Wieler wie auch an Frau Dr. Angela Merkel und all die Doktorinnen und Studienräte und sonstigen Abgeordneten im deutschen Bundestag – aufgrund des von uns beschlossenen „Lockdowns“ sehenden Auges sterben lassen und sterben machen, weil weder unsere sogenannten Hilfslieferungen dort noch ankommen noch das bisschen Wirtschaft, das wenigstens Subsistenz ermöglicht hat, jetzt dort noch möglich ist.
Und: Warum all diese Millionen Toten „da unten“?
Damit unsere 85-Jährigen noch zwei, drei, vier Monate, womöglich gar Jahre, mit all ihren Schmerzen, all ihren Einschränkungen, all ihren Ausfällen haben dürfen („leben“ geht anders …).
– Kurzum: Damit also bei uns die Illusion weiter von Bestand sein darf, an die wir alle hier glauben: UNSTERBLICHKEIT is meins!!! (Und wenn mein Pappi, wenn meine Ommi nu 95 wird, werd‘ ich ewig leben!)

Nochmals: Wir machen jetzt, dass Millionen von Menschen weit vor ihrer Zeit krepieren.
Das machen wir ohnehin immer. Aber jetzt, in der Corona-Zeit, machen wir das noch für viel mehr Millionen von Menschen: Wir machen, dass sie krepieren.

Und weigern uns, sie zu hören.
Ich lese Celan. Ich lese ihn nur, ich weigere mich, ihn zu hören.

Und weil ja der Mensch eben ein Mensch ist und auch der witweske Eisbär noch immer einer: Ich mache Pläne. Ich kaufe neue Kleider. Ich plane neuen Unterricht. Ich bestelle den Handwerker zur alljährlichen Thermenwartung ein. Ich habe seit heute drei neue Kronen in meinem Mund. Ich schreibe dem 70jährigen neuen Witwer in meiner Nachbarschaft eine Karte (der vor zehn Jahren mir gegenüber keine Silbe zum Tod des Lebensmenschen, den er noch kennengelernt hatte, verlor).
Ich lese Celan. Ich weigere mich, ihn zu hören.

Ich möchte gern ein (tschuldigung: gutes) Orchester hören: leibhaftig, im selben Raum.
Möchte das gern. Was aber – weil Sterben verboten worden ist von Regierung, Parlament, Virologen und etlichen Ärzten – nicht mehr geht.
Deshalb müssen ja auch all die, die dennoch sterben, es in absoluter oder weitgehender Einsamkeit tun. So, dass wir sie nicht sehen müssen. Wie die da unten irgendwo.

Ich weigere mich, all das zu hören.

Aber ich bin noch nicht blind geworden.

Ferien

265 Ferien
Begonnen habe ich die Ferien, indem ich die letzte Bettwäsche, die mir in doppelter Ausführung (denn „das gehört sich so“) geschenkt worden war, in den Müll warf.
Endlich habe ich diese Bettwäsche, unter der auch der Lebensmensch und ich manchmal – selten – lagen, in den Müll werfen können.

Und endlich habe ich noch einmal neue Bettwäsche kaufen können. Einen weißen Seersuckerbezug, auf dem im zarten Aquarell-Pinselstrich wunderhübsche Blumen Cancan tanzen.
Nur für mich, also nur einmal;
und ich tanz’ in meinen mir fast nie erinnerlichen Träumen vielleicht ein wenig mit.

Und ich habe – ebenso im Sommerschlussverkauf – noch einmal ein neues Kleid gekauft. Erstmals in Blau. (Und wohlgemerkt: Kleiderkauf ist seit maximal 4 oder 5 Jahren nach dem Tod der Fall; vor ihm nie – doch warum merke ich das hier noch an?)
Heute trug ich es. Beim Einkauf. Männer haben mich taxiert: Sie haben mich vermessen, von oben bis unten. Wenn ich genauso blaue Jeans trage, passiert das nie. Ich weiß, warum ich draußen viel lieber Jeans trage. Ich bin kein Ding, das ausgemessen werden muss, weil sich die Frage stellt, ob es wohl in den SUV, das Bett oder den Hosenstall passt.
Ich denke an die Augen des Lebensmenschen. Nie war ein Zollstock, ein Maßband darin. So oft aber blanke Neugier, Zärtlichkeit und fast immer ein Funkeln.

Und am Sonntag, also morgen, wird erstmals seit dem von Herrn Prof. Dr. Drosten und Herrn Prof. Dr. Wieler und Frau Dr. Bundeskanzlerin Merkel über alle bundesrepublikanischen Orchester und Chöre verhängten Berufsverbot wieder „Musik“ für mich sein: ein Konzert.

Mozart, Bach, Händel.
Fußläufig erreichbar. Unter freiem Himmel. (Fast auf dem Deckchair.) Für 24 Euro.
Das kann ich bezahlen.
– Obwohl ich keine Corona-Hilfen bekomme.
– Obwohl ich – wie so viele Integrationskurslehrkräfte – aktuell für etwa 7 Euro netto die Stunde arbeite (wenn wir überhaupt arbeiten dürfen, und viele dürfen das nicht, weil das Bamf es zum Teil immer noch verbietet).
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Ich werde also – vielleicht – am Sonntag in meinem neuen, erstmals blauen Kleid Mozart, Bach und Händel hören können.
– Derweil in diesem Jahr etwa 500.000 aidskranke Menschen mehr als üblich krepieren werden, weil u.a. Herr Prof. Dr. Drosten und Herr Prof. Dr. Wieler den Corona-Lockdown empfohlen, Frau Dr. Bundeskanzlerin Merkel den Corona-Lockdown beschlossen und Hunderte der bundesrepublikanischen ParlamentarierInnen ihn genehmigt haben (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/tausenden-von-hiv-infizierten-droht-ein-vorzeitiger-tod-16855138.html).
(Von all den anderen Millionen den Corona-Maßnahmen geschuldeten Toten weltweit schweige ich in diesem posting).

Mozart, Bach und Händel. Werde ich also vermutlich morgen erstmals seit vier Monaten wieder leibhaftig gespielt hören können, da in meinem erstmals blauen Kleid.
Die haben alle nichts anderes als das Leben und den Tod komponiert. Und die wussten alle noch, dass Leben und Tod zueinander gehören.
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Soweit ich verstehe, was aktuell geschieht,
sehe ich, dass die vorherige Entwicklung – also, dass diejenigen, die alles haben, noch mehr bekommen, und diejenigen, die wenig oder nichts haben, viel zu früh krepieren – sich in der sogenannten Corona-Krise exponentiell fortsetzt.
Dann verlischt die Gattung Homo sapiens sapiens noch schneller, als ich dachte.

Ich freue mich ja selten, heute aber schon.

„Durcharbeiten“ im Witwesk

96 Honigschwere Tatze mit Eis drunterWieder und wieder und wieder und wieder und wieder die Frage.
Für welche der zwei noch gültigen Optionen ich mich entscheide, entscheiden werde – wenn, falls ich mich denn dann vielleicht endlich irgendwann doch noch entscheiden kann.

Die Option Nr. 3 lebe ich seit zehn Jahren – nur war sie nie eine. Und allmählich geht mir damit wirklich die Geduld aus.

Hadern, haften, hilflos sein – das ist no. 3.
Zukunftsoffen und vergangenheits֍ent֍schlossen ist no. 2.
Augenklar ist no. 1.

Doch wer weiß, vielleicht bastelt auch etwas schon längst Option Nr. 4.
Die würde ich dann irgendwann mit honigschwerer Tatze hierher malen – oder vielleicht an einen anderen Ort. Oder – wer weiß das schon – ich würde einfach Honig naschen. Oder vielleicht auch (weil es mir dann womöglich an Tatzenhaftigkeit fehlen könnte) Plattpfirsich mit Butterflöckchen, deren Schmelzen noch auf der Frucht meinem Auge zur Freude gereichte.

~ ~ ~
Liebster Toter und lieber Tod,
ich bin jetzt so reich. An Optionen.
Damals, als wir ans Sterben gehen mussten, hatten wir keine.
Jetzt habe ich womöglich gleich vier!
Und wer weiß, vielleicht ist die vierte – sofern etwas in mir die bastelt – mein ganz persönliches ‚Shelley-Monster‘: ein Hybrid zwar aus allem, was ich war (damals im Tod auch schulmedizinisch „eigentlich tot“) und bin, doch fündig geworden und teilhaftig
des Honigs
all meiner und eurer und einiger anderer mit mir verbrachten Jahre und Zeiten.
– Sofern etwas in mir die bastelt. Und wer weiß das schon.

Alles noch können – oder: Fragmente

264 Fragmente
Oft wäre ich auch persönlich gern die, die ich professionell immer und offiziell sehr häufig bin.

Wäre gern auch persönlich die empathische Lehrerin, die sich über Schwangerschaften mitfreut, die Hoffnungen bestärkt und die an Zukunft und Wünsche glaubt – oder all das zumindest sehr überzeugend vorgibt zu tun, so überzeugend, dass sie selber für die Dauer der Situation davon überzeugt ist und dann die Krähe auf ihrer Schulter ignoriert (sieht die doch außer mir ohnehin sonst keiner).
Wäre gern auch persönlich die trocken scherzende Zahnarztpatientin während der Kronenbehandlung*, die charmante Kundin des Obst- und Gemüseladens, die hilfsbereite Nachbarin.

Ich kann das alles.
Unter der Maske.
Ich kann das alles, immer noch, trotz allem.

*(Dass ich mich jetzt zum Beispiel noch einmal für eine so aufwendige zahnärztliche Behandlung entschieden habe, grenzt an Irrsinn: nach allem, in allem. Und ob die Zusatzversicherung zahlen wird, ist noch offen.
Ich habe auch das gemacht. Trotz allem.)

Ich kann das alles. Immer noch, also trotz allem.

Aber ich kann es nunmehr, hier im Witwesk, nur zersprengt.
Nur, wenn ich sprenge, wer ich persönlich bin und was nur ich selbst – außerhalb meiner professionellen Rolle und außerhalb jeglicher Soziabilität – erfahren habe.

Vielleicht wird damit zu leben sein. Vielleicht werden es irgendwann der Trümmer zu viele.

Funktion

117 Müdigkeit
Nicht mehr, nicht weniger. Witwesker Eisbär im Funktionsmodus. Wortlos, traumlos.
Macht Bamf-Maloche.
Macht Geburtstagstelefonate.
Macht Aufstehen, Laufen, Schlafengehen.
Macht das noch nicht gänzlich fraglos:
Wozu bleibt die Lücke zwischen den Zahnrädchen.

Wo eine Lücke ist, ist: nichts. Also: Raum:
Luftlos, lichtlos, tonlos, bildlos, reglos, tröstlich.