„Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (Victor Klemperer)

Jedenfalls kann ich mir nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben …
Am letzten Samstag startete für mich die Saison in der Bismarck-Oper. Schon beim Karten-Erwerb im Mai fand ich mich mutig, denn die neue Saison sollte mit Stockhausens sogenannter ‚Oper‘ „Mittwoch aus Licht“ beginnen, und mir war klar, dass das musikalisch nun nicht gerade das wäre, was ich „schön“ oder/und „bewegend“ fände.
Aber dass eine ‚Oper‘, in der es vor allem um Liebe geht, mich schließlich, nach 4,5 Stunden!!! (ohne Pausen 3,5, was immer noch viel zu lang war), mit einer geballten Ladung Aggression aufs flitzerote Fahrrad und den Heimweg entlassen würde – das hatte ich dann doch nicht erwartet!
Schon am Vortag bekam ich einen Schreck, als ich sah, wie lange das Ding dauern sollte (ich habe mit Wagners Längen nicht das geringste Problem …).
Die ersten drei Teile waren auch noch akzeptabel für mich (unter dem Label: „Sollte ich mal gehört haben“).
Aber die Video-Show vom 25-minütigen „Helikopter-Streichquartett“ war eine einzige Qual – nö: Eine einzige Publikumsverarschung!
Ich hatte erwartet, dass man auch da ansatzweise noch so etwas wie Musik hören würde, doch „spielten“ jene 4 Streicher ausnahmslos im Vibrato etwa 1,5 verschiedene Töne und brüllten etwa 3-4 Mal die Ziffern 1-14 in den Höllenlärm der kreisenden Rotorblätter.
Nach rund 3 Minuten in diesem Geräusch-Inferno (ohne jedes ironische Zitat von „Apokalypse now“; und vermutlich ging Herrn Stockhausen Ironie überhaupt völlig ab, dort jedenfalls, wo es in dieser ‚Oper‘ was zu lachen gab, war es plumper Karnevalshumor) begann ich, das Publikum zu betrachten (wie immer vom 2. Rang, Reihe 4 aus).
Und ich konnte es kaum fassen, dass alle, ausnahmslos ALLE Leute sage und schreibe weitere 22 Minuten lang auf die Bühne GLOTZTEN, wo auf 4 Bildschirmen die 4 Streicher stets dasselbe machten, nämlich ein Vibrato streichen inmitten der martialischen Geräuschkulisse von 4 permanent kreisenden Hubschrauberrotoren.
Wie eine derartig infernalisch tönende, todlangweilige und aller musikalischen Phantasie aus zig Jahrhunderten Hohn sprechende bzw. spielende Partie in eine ‚Oper‘ über das Thema „Liebe“ geraten konnte, ist mir komplett unzugänglich.
Doch außerdem auch noch dieses Publikum währenddessen völlig hypnotisiert auf die Bühnen-Bildschirme GLOTZEN zu sehen, hat mir erneut klar gemacht, mit was für Zeitgenossen ich zusammenlebe:
Ich sah die plötzlich alle wieder mit ihren faschistoiden Windeln vorm Maul, und statt der frenetisch ihre 1,5 Töne streichenden Streicher erblickte ich auf diesen 4 Bildschirmen, wie Kindern gegen deren Widerstand Teststäbchen bis zum Hirnanschlag reingeschoben und Erwachsene zwangsgespritzt wurden:
Dieses Publikum hat dergleichen genauso maschinenhaft und beifallskauend (manche um mich herum kauten manisch auf ihren Zähnen und applaudierten am Schluss geradezu rasend) mitangesehen wie diese 25 Minuten gehörgefährdenden bullshit jetzt in dieser ‚Oper‘ sechs Jahre später am 26.09.2026.
Danach war gottseidank die 2. Pause und ich trotz allem entschlossen, bis zum Schluss durchzuhalten, also noch etwa eine weitere Stunde. Das tat ich.
Stockhausen selbst lässt im vorletzten Teil eine seiner völligen Gaga-Figuren, die bis auf wenige Satzfragmente nur noch Teletubby-Lallen avant la lettre praktizieren, fragen, ob das alles (Stockhausens Name fällt mehrfach) vielleicht völliger Quatsch sei.
Ja! – Wollte ich laut rufen, traute mich es aber nicht – WARUM NICHT?!
Das ist völlige Publikumsverarschung.
Letzteres, das Publikum, fällt bis heute darauf rein: Am Ende gab es freundlichen Applaus von all den gebannten GLOTZERINNEN und GLOTZERN.
PS: Ich fuhr mit einem sehr lebhaften Zorn in mir auf dem flitzeroten Fahrrad nach Hause: auf diese stumpf-dummen GlotzerInnen – und auf mich, weil ich stumm geblieben war.
Und voller Freude auf das Konzert im Kammermusiksaal zwei Tage später, ein Philharmoniker-Ensemble mit Beethoven und Mendelsohn (war wirklich schön).
