Vielleicht wird das mit dem Carpe Diem ja doch noch was

„Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (Victor Klemperer)

Heute habe ich erstmals seit bald viereinhalb (in Zahlen: 4,5) Monaten wieder unterrichtet.
In diesem neuen Kurs-Format. Und mit gerade einmal 12 zugelassenen TeilnehmerInnen statt der üblichen 18-25. Der Rest der TeilnehmerInnen fehlt wegen #DobrindtsKahlschlag der Integrationskurse.*

Es ist mein erster „Zweitschriftlernerkurs“ (also ein Kurs für Menschen, die alphabetisiert sind und über solide bis reichliche Schulbildung verfügen, die aber nicht die lateinische Schrift erlernten).
Und ich freue mich sehr darüber, endlich wieder Menschen Deutsch beibringen zu können, die diese (komplizierte!) Sprache lernen müssen, weil ihr Lebensweg sie (meist unfreiwillig) aus ihrem Herkunftsland hierher geführt hat und sie zumeist dauerhaft hier leben und arbeiten müssen und irgendwann (das gilt für die überwiegende Mehrheit!) dazugehören WOLLEN.

Ich freue mich so sehr darüber, endlich wieder arbeiten und anderen Menschen sprachlichen Sinn vermitteln zu können, dass ich meiner Schule und den Kolleginnen im Büro ein paar Blümchen mitgebracht habe, wie man auf dem Beitragsbild sieht.

Das Unterrichten jetzt hat mir wie immer Großes geschenkt: Lust und Eigen-Sinn.
Davon lasse ich mich dieser Tage absorbieren.
Ohne schlechtes Gewissen.

Dabei bedrängt doch meine Kassanda ein womöglich noch zu verfassendes Gedicht anlässlich der unsäglichen Schließung des Russischen Hauses in Berlin durch die hiesigen Herrschenden Eliten schwer.
Aber immer öfter halte ich (und mit mir meine Kassandra und mein witwesker Eisbär) kurz inne und erlebe ein „Wie lange noch“ mit allen Sinnen.

Meine Flaschenpost sei bis zum letzten Tage gesandt – ob als Kassandra oder in einen Integrationskurs.
Vermutlich kommt sie ohnehin nie an, aber darum geht es auch nicht (mehr); ein Gedanke, der mir langsam zu eigen wird.

PS: Ich will wieder öfter Zeugnis ablegen – bis zum letzten.

*Mittlerweile müssen alle Kurse meiner Schule mindestens einen bis zwei Monate aufgeschoben werden oder fallen langsam auch ganz aus. Grund: #DobrindtsKahlschlag
Wir wissen nicht, wie lange wir noch überleben werden. Von KollegInnen bei anderen Trägern höre ich dasselbe.
Wir sind wie unzählige andere Menschen nur ein Vorposten …

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