Von Sonne, Wort und Sterben

239 Kurshalten

Vor ein paar Wochen hielt ich hier ein Wort fest, für mich, von dem ich zunächst annahm, dass es länger hielte, und von dem dann zu befürchten stand, dass es doch früher als erhofft sich davon machen würde.
Heute habe ich gemerkt, dass es noch da ist (ohne, dass es wiederholt werden musste).

Drei Optionen – auch das habe ich hier bereits notiert – bietet das frisch angebrochene Jahr, wie ein jedes: Ende, Weitersegeln, Anfang.

Am Enden habe ich heute einen sujetgemäß garstig und sarkastisch teilhaben lassen, obwohl ich keinem mehr etwas vom Schwarzen Sturm aufs Herz legen will (und das mittlerweile fast immer auch schaffe).
Es gibt da zwar ein Angebot, aber ich möchte davon keinen Gebrauch machen (und denke ohnehin, dass ich das irgendwie falsch verstanden habe) – und doch habe ich es nun also heute prompt getan.
Und ja: es fühlt sich doppelt falschgemacht an.

Daraus könnte ein Weitersegeln werden. Hart am Schwarzen Sturm. Auf jenem Wort von vor drei Wochen.

{ Und dass ich selbst so lange schon anfangen möchte – das darf nach wie vor kaum geflüstert werden.
Vor lauter Wut über diese Selbstverlogenheit – und überhaupt: Wut – habe ich vorhin einen Kauf getätigt, mithin eine consumptio begangen und ein kleines Sterben, eine Strickjacke erworben, weich und blau wie das Nordpolarmeer im ersten Sonnenschein. Vielleicht wird auch davon zu erzählen sein, dort; fair wäre es. }

Schaltjahr

238 Tagstreichung (Schaltjahr)

Dieses Jahr ist ein Schaltjahr. Ich habe diesen nun wirklich überflüssigen Tag gestern gestrichen. Er ist nicht mehr existent. Seitdem ich ein witwesker Eisbär bin, weiß ich, wie das geht – meine Kolleginnen in der Arktis streichen ganze Monate, allerdings nur, wenn sie trächtig sind. Andernfalls kennen sie so wenig wie die männlichen Kollegen eine Winterruhe.
Doch ich bin ja ein witwesker Eisbär, manchmal auch ein Löwidow (freilich nur im Sommer), also ohnehin ein Zwitterwesen; vermutlich ist da auch etwas von Grizzy mit im Spiel, und die halten Winterruhe, streichen Wochen und Monate.
Es war zwar nur ein Tag, der Schalttag, den ich gestrichen habe, doch ein wenig tapsig fühle ich mich jetzt trotzdem. Und ein wenig froh: Dass das immer noch geht.

Ein Schalter hat sich wieder nicht gefunden. Ob ich das bedauern oder begrüßen soll, weiß ich nach wie vor nicht.

Unser Abend zum 10. Mal ohne uns

{ geschrieben am 30.12., und es gab weder eine neue Matratze noch eine Flasche Champagner – manchmal ist der Eisbär zart und Schutz.
Und diesmal ohne Bild, weil alles, vor allem der Himmel, so schön bunt hier ist, jetzt da ich das hierher stelle. }

„Unser Abend“ ist vorbei.
Ich schrieb hier letztens, dass ich mich nicht „systematisch“ erinnere.
In diesem Jahr war „unser Abend“ an diesem Abend fast nicht vorhanden.
Er war hier im Witwesk vorhanden, mehrfach, früher. Und vielleicht wird er das wieder sein.
Diesmal war er es im Grunde nicht.

Diesmal war alles flach, fahl, fallend. Gen Grund.
Wie so oft. Und weil alles flach ist, ist der bald erreicht. Das Fallen wiederholt sich dennoch, wieder, wieder. Wenn man fällt, weiß man nicht, wie tief oder flach. Man fällt und obwohl man die Augen weit geöffnet hat, ist es dunkel – so ist Fallen.

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Ich werde allein bleiben,
werde nicht vergessen, wessen Gesellschaft ich einst hatte,
werde traurig bleiben und einer der glücklichsten Menschen gewesen sein.

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Draußen knallt’s. Ich bin schon wieder aus der Zeit geraten, heute ist bereits zwei Tage weiter als ich.
Das letzte gemeinsame Silvester vor zehn Jahren. Damals noch nur mit dem Darmkrebs und der Chemo. Wir ahnten nicht, dass unser Jahrzehnt keine Zukunft hatte. Aber wir hatten eine harte klamme Beklemmung im Leib und in der Seele.

Das Jahrzehnt, das damals begann und das nun beendet ist (so rasch wie ein Zähneknirschen), habe ich fast vollständig allein verbracht.
Ich habe das nicht gewollt, habe damals, was mir möglich war, dafür getan, dass es endet. Eine Anästhesistin, die ich um Rat gefragt hatte, erzählte mir, wie dankbar ihr die von ihr geretteten Suizidanten bis heute seien. Damals musste ich mich fast übergeben. Und schon damals war mir klar, dass sie von denen, denen es nach der „Rettung“ anders ergeht, nichts hört (und auch nichts hören will).

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Das angebrochene Jahrzehnt enthält für mich, wie schon das letzte, drei Optionen:
Ende,
Weitersegeln,
Anfang.

Eine jede kann ich mir gut vorstellen. Und eine jede erscheint mir gut. – Das ist doch mal was Feines!