Nun fängt also das an: „Ich bin Corona-Überlebende/r“

[Ganz klar bilderlos.]

Neuerdings beginnen sich in der Presse solche Stories zu häufen.
Menschen im letzten Lebensdrittel, also ab 50 Jahren, übergewichtig, entsprechend hypertonisch, blutgefäßgeschädigt, stoffwechselbeeinträchtigt et cetera, berichten: „Ich bin ein/e Corona-Überlebende/r! Und mir geht’s immer noch so dreckig …“

Und dann erzählen sie:
Von Lagerungsstauchungen und Katheterlegungsunfällen über Anästhesie-Delirien und Neuropathien bis hin zu Depressionen, Flashbacks und Fatigue-Syndromen.

Ich möchte denen zurufen:
„Willkommen! Was Sie jetzt erlebt haben und noch erleben, das erleben allein hierzulande zigtausende von Menschen alljährlich. Sie nennen diese Menschen zum Beispiel ‚Krebskranke‘; viele davon sind viel jünger als Sie. Die alle, all diese Menschen, die Sie zum Beispiel ‚krebskrank‘ nennen, erleben genau das: Von einem Tag zum andern Totalausstieg aus dem Leben – Traumatisierung durch Ärzte/innen und medizinisches Personal – körperliche und psychische Schwerstversehrung – Verlust aller (immer schon nur eingebildeten) Sicherheit und Verlässlichkeit, zum Beispiel des eigenen Körpers. – Willkommen also nochmals im Club! Dem Sie selbst übrigens immer jedes Recht auf Erzählen verweigert haben und verweigern.“

Die Presse ist nun allmählich voll von diesen „Ohmygoodness – ich bin Corona-Überlebende/r-und-es-war-und-ist-schrecklich“-Berichten dieser übergewichtigen und/oder diabetes2kranken und/oder über 50-jährigen mit schwerem Covid-19-Verlauf.

All diese Menschen mit hierzulande schwerem Covid-19-Verlauf (sind’s 0,1% oder 0,5% der Infizierten, und wer weiß, wie viele infiziert sind?), die in der Presse neuerdings vom Schwerstverlauf ihrer Covid-19-Erkrankung erzählen (still: panic sells), sind ökonomisch abgesichert und erwarten offenbar als völlig selbstverständlich, das statistische Durchschnittsalter von rund 85 Lebensjahren zu erreichen, derweil hinreichend glücklich zu sein und ihre Enkel aufwachsen zu sehen.
(Denn das erwarten doch alle, nicht wahr: Mindestens 85 zu werden, derweil hinreichend glücklich zu sein und die Enkel aufwachsen zu sehen.)

Aber wenn diese Covid-19-Schwerstverlauf-Ex-PatientInnen dann ihre Story erzählen, erwarten die noch mehr:
Sie erwarten, dass alle Rücksicht nehmen sollen auf solche wie sie: im letzten Lebensdrittel, vorerkrankt, und blind gegenüber der sinnvollen Tatsache, dass der Tod jederzeit jeden nehmen kann und auch immer wieder nimmt.

Und wenn ich daran denke, möchte ich denen (und überhaupt allen mit ‚Erwartungen ans Leben‘) sagen:
Werte Ex-Covid-19-Schwerst-Erkrankte: Hören Sie bitte auf, von der Gattung Mensch zu verlangen, dass sie sich Ihretwegen und um Ihres zivilisationskrankheitsgeschwächten Körpers willen weiterhin in dieser finstersten ZIVILISATIONSFERNE der absoluten TODESVERLEUGNUNG aufhält!
Denn nichts anderes sind unsere Corona-‚Maßnahmen‘: zwanghafteste Todesverleugnung.

– ‚Maßnahmen‘ übrigens, die bereits jetzt unzähligen Menschen weltweit den Tod gebracht haben, weil unsere Medikamente seit unserem Lockdown dort nicht mehr ankommen und weil etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung kein Kurzarbeitergeld beantragen kann.“

~ ~ ~
So. Hab ich jetzt mal gesagt.
{ Und ob ich es ins Witwesk sage, in einem Gedicht oder in den Bundestag, ist einerlei. }

Bleibt

die Leere, das was nicht zu sagen ist.

Neuerdings also wieder öfter Doppelbilder:
Das Sofa heute mit den Kissen auf den Armlehnen und den Pflanzen auf dem Fensterbrett – und dann der Lebensmensch darauf, als es weder diese Kissen noch diese Pflanzen dort gab.
Die Kücheninsel heute mit dem Ordner „Im Todesfall“ – und dann der Lebensmensch davor, ich von ihm darauf gehoben und wir im Begriff, zum Kugelmenschen zu werden.
Die Dusche heute hinter dem Fischvorhang – und dann hinter ganz tiefem Orange der Lebensmensch darin, fröhlich.

Neuerdings, nach längerer Zeit, also wieder Doppelbilder. Keine „Psycho“-Dingens, keine „Flashbacks“, keine „Intrusionen“ – einfach Erinnerungen, die sich in die Wirklichkeit schieben und sie ein wenig erschüttern.

Das tut tief weh.
Wie immer.
(Wann wird es hinreichend tief sein?)

Und wenn das der „Kern“ wäre,

dann wäre er gleichwohl leer.
Denn er (und mit ihm seine Mitte) würde verpuffen, verdampfen, noch während er anfinge, sich in die Existenz zu schälen.
Wie ein jeder Ton, der gesungen oder der durch ein Musikinstrument erzeugt wird.
Schon im Entstehen verpufft, verdampft er wieder.

Es bleibt die Leere. Die nicht zu sagen ist.
)Nur die Liebe tänzelt darüber hinweg, da oben das Seil, das immer schon grad reißt.(

Aidas Arie – oder: Mehr als nichts!


Heute (nein, schon wieder gestern) in der Deutschen Oper hörte ich – skeptisch ob des Nummern-Revue-Titels – „Aida“ als coronabedingtes ‚Best of‘. [Meine erste Oper unter Corona. – So, wie’s nun aussieht, werde ich mir wohl diese blöde „card“ kaufen … Zumal diese ‚Best ofs nunmehr wieder verschwunden sind.]
Christina Nilsson, grad mal 30 Jahre alt, sang die Aida und damit eben auch „O patria mia“, die wohl schwierigste Arie dieser Oper (und ja: dort geht es um Heimat, und wie immer handelt es sich dabei nicht um Nation, nicht um Land, nicht um Volk).

Jetzt höre ich die Callas und auch Leontyne Price sowie Renata Tebaldi auf Youtube hoch und runter, und ich weiß nicht: Liegt’s am Konserven-Malus, oder war das da vorhin in der Bismarck-Oper tatsächlich eine Sternstunde? – Und: Ist das überhaupt von Belang?

Mir war das ein Sternstunden-Moment. Er haftet mir an. Und ging vorhin da im Opernhaus in mich ein. Hautreaktion – Atemfrequenzwechsel – höchste Konzentration – und jenes Je ne sais quoi, das mir in Aufführungen klassischer Musik so oft passiert.

Vielleicht ist es das?
Des Menschen Fähigkeit, zugleich als vollkommenes Geistwesen und in massivster Körperlichkeit vorhanden zu sein wie diese Aida-Sängerin(nen), ~ ~ ~ und ihre ZuhörerInnen.
Für einen Moment.
Womöglich ist das der „Kern“?

Im Funktionsmodus. Hinten Blaues Rauschen: Nullsamkeit

Geschirr und Bettbezüge, Kleider und Konzerte – große Freuden, kleine Fluchten. Hübsch.
Unzureichend.
Das merke ich im Witwesk immer irgendwann, zum Beispiel, wenn ich im Funktionsmodus bin (wie jetzt: eine Woche Dauer-DaZeln inklusive Vormittagsvertretungen, die mir eine Nachtruhe von ca. 5 Stunden einbringen).

Das klimpert alles so dahin. Große Freuden, kleine Fluchten. Hübsch.
Unzureichend.

Im Kern ist das Fehlen. Doch dieser Satz ist eine Lüge. Es gibt für das, was nicht da ist, auch kein Wort.
Im Kern fehlt etwas. Vielleicht aber fehlt auch gar nichts im Kern, sondern schlicht der Kern.

Alles ist „weggebrochen“. Liebe, Beruf, Kontakt (der nur beinahe ganz), Leben (nochmals: Ich müsste tot sein, niemand konnte damals erklären, warum ich das nicht war; und mehr noch: Wäre der Bruder lebend geboren worden, hätte ich nie sein müssen).
Aber wovon eigentlich weggebrochen?

Es fühlt sich so an, als FEHLT etwas. Aber vielleicht ist es NICHT DA (und auch nirgends sonst), nie.
– Kann dann das Gefühl „Fehlen&Vermissen“ vorhanden sein? Weiß irgendjemand, wie sich das Gefühl „Fehlen&Vermissen“ anfühlt? Wenn ja, kann er es sagen? Wenn ja, kann es sein, dass es dabei immer nur um Hunger, Durst und Frieren geht und dass sonst nichts fehlen kann, weil nie mehr da war und da ist?
Kann es sein, dass alles Andere (Geschirr, Bettbezüge, Kleider, Konzerte, Liebe, Beruf, Kontakt und was dergleichen noch mehr sein mag) sich um Nichts herum gruppiert, sich Nichts anlagert? (Und wenn das so wäre, dann würde es nie zu einer Anhaftung kommen, dann würde alles Andere immer ins Leere fallen, sowohl nach „innen“ als auch nach „außen“.)

~ ~ ~
Bis heute habe ich „Jenseits des Lustprinzips“ nicht zu Ende gelesen. Aber immer war ein bläulicher Schatten: im letzten Drittel des Moments, am Ende der Seite und des Weges, über jedem Anfang.
Seit zehn Jahren mindestens hat der Schatten eine geometrisch geordnete Struktur, denn es handelt sich nicht um Stimmungswolken oder Gefühlswogen.
Seit zehn Jahren mindestens weiß ich, dass niemand und nichts den Schatten schlägt.
Er fällt einfach auf die Existenz.

Fehler machen – oder: Schluss mit einer Blase!


Immer noch lese ich in Psycho-Foren, genauer: in Internet-Foren für psychisch Gestörte. Einst schrieb ich auch dort.
Zu 99% schreiben dort Frauen. Von den dort schreibenden Frauen sind etwa 80% Mütter.
Nichts von dem dort Geschriebenen ist im statistischen Sinne „repräsentativ“ für die psychisch Gestörten der Bundesrepublik Deutschland (und das stimmt mich ein wenig froh). Diese Foren sind also sogenannte Blasen.

Mein Mitlesen dort ist ein Fehler, den ich mache, wieder und wieder.
Ich lese dort all diese anorektischen, depressiven, narzisstischen, borderline-, dissoziativ gestörten und/oder sonstwie psychisch kaputten Mütter (und die wenigen genauso kaputten Väter, die dort schreiben). Und die hadern alle mit ihren Müttern, den (mehr oder minder) unschuldigen Monstern.
– Und die pflanzen sich fort. Vor allem die Schwersttraumatisierten.
Die würgen Kinder am Fließband in die Welt. Zwei ist Minimum, zwei ist gar nichts, besser drei oder gleich sechse.

All diese Menschen, die dort schreiben, machen Psychotherapien oder haben sie gemacht oder wollen sie vielleicht machen. Sie schreiben dort über ihre ganze Gestörtheit, über ihre Psychose, ihren Hungerwahn, ihre bodenlose Traurigkeit, ihr Unvermögen, ein und derselbe Mensch zu bleiben. Wegen ihrer Mütter und oft auch wegen ihrer Väter, die alle schon mindestens genauso kaputt waren.
– Und dann erfährt man mal ganz nebenbei, dass Kinder da sind.
Oder dass noch ein Kind gezeugt wurde.
NIE SIND DIE KINDER IN DIESEN BEITRÄGEN IM ZENTRUM. Immer erfährt man nur nebenbei davon, dass diese gestörten Menschen Kinder haben und/oder bekommen werden.
{ Vielleicht schämen sie sich dessen und erwähnen es in diesen Foren deshalb erst immer sehr spät.}

~
Ich mache Fehler. Viele. Einen habe ich nicht gemacht: Ich habe mich nicht fortgepflanzt. Ich habe ein Ende gemacht.

Das ist nicht ganz so bewusst geschehen, wie ich es mir wünsche, aber es ist doch ziemlich bewusst geschehen. Und es ist das Ende eines generationenalten Leids, eines langewährenden Irrsinns.

Und das zählt, zumindest ein bisschen.
Jedenfalls signalisiert es mir: Ich kann Fehler unterbinden.
Und das heißt: Ich kann ebenso damit aufhören, in diesen grauenvollen Foren psychisch gestörter Menschen zu lesen, die ohnehin alle fast nur um sich selbst kreisen (was ich aus eigener Erfahrung weiß; und mich ekelt immer noch).

Was in mir bleibt:
Einer jeden Mutter (und einem jeden Vater) gegenüber tiefste Skepsis.
Ein kleines Glücksgefühl, weil ich ein Ende machen konnte.
Und: Ein Prickeln – alle Poren offen: Hirn- und andere Häute lassen Welt ein. Und mit jedem Zentimeter Welt werde ich mir gleichzeitig selbstverständlicher und belangloser: Frei zu und von.

Am Samstag das erste Mal nach fast genau sechs Monaten (sieht man von dem Laien-Spiel-artigen Nachmittag beim Schloss vor zwei Monaten mal ab) endlich wieder gelebte Musik: Das Opernhaus meiner Wahl erlaubt es Alleinstehenden, Einzelkarten online zu erwerben (fast alle anderen Konzert- und Musik-Etablissements hier zwingen Alleinstehenden, die eine Karte erstehen wollen, schwierige bis unmögliche Telefonate auf).
Und ich habe dort gleich noch zwei weitere Tickets für den Oktober erworben.
Auch wenn niemand weiß, ob … – das übrigens ist wie immer, auch ganz ohne „Corona“ (nur weiß das außer solchen wie mir keiner).
Vorhin Reste vom Freundinnen-Essen auf funkelnder Gischtlitze. – Was freu’ ich mich über’s neue Geschirr einen jeden Tag!
Und jetzt die erste Nacht in der neuen und frischgewaschenen Blumenwiese. – Was freu’ ich mich darauf (und darüber)!
{Und genauso gut könnte ich diese Sätze statt mit einem Ausrufezeichen mit einem Fragezeichen enden lassen: Freude und Sinnlosigkeit sind nicht zu trennen, auch nicht durch Interpunktionsregeln.}

Frei von und zu (wieder, immer wieder)


In manchen – seltenen – Momenten knie ich wieder auf diesem Krankenhausbett, draußen gewittertstürmt es, seine Hand liegt in meiner, sein Gesicht in meinem Blick, sein allmählich verlöschendes Auge ruht in meinem.

Das ist der größte Terror und das ist das größte Geschenk:
dem Tod zuzusehen – falsch: diesem, diesem Tod zuzusehen.

Er war langsam (gemessen an Kugelschuss oder gar Bombenhagel), er war schnell (gemessen am Krebssterben zuvor).

~
Es gibt keinen Menschen, der weiß, was ich da und in den 15 Monaten zuvor erlebt habe.
Außer – dem Lebensmenschen.
– – –

Irgendwann werde ich mich umdrehen. Über die Schulter blicken. Knien. Dann liegen. Schließlich ruhen. Und dann werde ich verlöschen. (Alles hoffentlich binnen Minuten; und wenn ich an ein paar Vorfahren denke, vor allem an jene terminale Miktionssynkope, dann weiß ich, dass es Chancen dafür gibt.)

Und dass mein Verlöschen in niemandem mehr nachglimmen wird, das stimmt mich froh.
Ich kann mich jederzeit umdrehen, denn nichts und niemand trägt mein Lachen, mein Leben, mein Aschekreuz.

Mal wieder halbtot als Radfahrerin wegen hirnamputierter, präpotenter Autobomber

Heute hat mich Ecke Ku’Damm/Joachimsthaler beim Einfahren auf die Rechtsabbiegerspur erst ein präpotenter Taxifahrer (ein Araber, und arabische oder auch türkische Taxifahrer agieren meinem Erleben als Radfahrerin nach bemerkenswert oft präpotent; Taxifahrer aus dem westlichen Kulturkreis agieren indes oft schlicht hinterfotzig) geschnitten – der Idiot hat dann auch die halbe Geradeausspur noch blockiert, weil ich mich nicht habe schneiden lassen. Und dann ist der vor mir in der Rechtsabbiegerspur stehende Jeep [sic! Ein „Jeep“ mit Berliner Kennzeichen – wie um alles in der Welt kann man in einer Großstadt so eine verschissene Karre fahren?! Und die Frage gilt für einen jeden „SUV“ = IQ-Einheit für „Sonderunterkomplexe Verkehrsteilnehmer“ genauso] einfach nicht losgefahren, als grün war, weil die Tusse auf dem Beifahrersitz irgendwelche Krümelchen von ihrem Röckelein langwierig fuchteln und dazu die Tür öffnen musste. Das verschissene Taxi ist erst links an dem verschissenen Jeep vorbeigezogen, um dann vor dem wieder rechts einzuscheren und bei dunkelgelb noch die Ampel zu nehmen. Der verschissene Jeep ist, nachdem die Tuss’ endlich ihre Krümelchen von ihrem Röckelein gewedelt und die Beifahrertür wieder geschlossen hatte, dann promt noch bei richtig fettem Rot über die Ampel gebrettert. – Nur ich stand dann da vor der roten Ampel: Ich, der Idiot, der sich schneiden, behindern, totfahren lässt von diesen präpotenten hirnkastrierten Fahrern hubraum- und PS-übersteigerter Autos.
Etwa sieben bis zwölf weitere Autos haben mich heute mit ca. 20 cm Abstand überholt, oder haben meine Radfahrer„nase“ vor einer Ampel zugestellt oder auch einfach gleich den Radweg zugeparkt.

Nie durfte Wut sein.

Es durften sein: kurze, sehr kurze, Situationsanalysen und auch bei deren Wegfall immer Verständnis für denjenigen, der den Fehler gemacht hatte / nervte / böse war, und dann Wohlerzogenheit: Lächeln, Knicksen, Hergeben (des Sieges oder des Kinderüberraschungseis).
Denn es war ja auch im Elternhause nie Wut, war immer nur eine Meinungsverschiedenheit.
{Nie durfte die Frage sein: Lasstihreuchjetztscheiden? – Es war ja immer nur eine Meinungsverschiedenheit.}

Immer musste Idylle sein. {Übrigens ganz extrem nach dem Tod: Was wurde da eine Ehe voller Meinungsverschiedenheiten veridyllisiert.}

Bis heute ist Wut mir fremd. – Wenn ich sie als mein Gefühl identifizieren kann (und das ist bereits eine „strukturelle Leistung“, jaja!), dann weiß ich nichts mit ihr anzufangen: Kann sie weder symbolisieren noch ausleben.
Sie wird ein Kolbenfresser. (Aber bekanntlich somatisiere ich ja nicht. Frisst sich das alles also gen Nimmerleinstag irgendwo rein.)
Andre Wut-Gestörte heulen (so liest man öfter mal). Andere Trauernde heulen (so liest man auch öfter mal). Ich nicht.

Heute da an der Ecke Ku’Damm/Joachimsthaler hätte ich der Tuss’ auf dem Jeepbeifahrersitz ihr verschissenes Röckelein zerschneiden und dem hirnkastrierten Jeepfahrer sein verschissenes Gemächt blockieren und dem präpotenten Taxifahrer sein verschissenes Hirn zuparken mögen, endgültig.

Aber Wut durfte nie sein. Bis heute.

Relaunch von WordPress: Grauen pur

Der letzte Eintrag hier (Kaufrausch – Atmen) war mein erster seit dem großen Relaunch von WordPress.
Ihn hier so hinzustellen, wie er nun hier steht, hat mich etwa vier Stunden Lebenszeit gekostet.
Weil bei WordPress nun nichts mehr so funktioniert wie vor diesem Relaunch. Weil alles viel komplizierter geworden ist. Weil alles tausendfach mehr Klicks und Handarbeit erfordert als zuvor.

WordPress behauptet, dass alles viel einfacher geworden sei, viel „intuitiver“, viel besser.
Die spinnen!

Offenbar wissen die nicht, dass ein Blog-Betreiber nicht mal eben in seinen Blog tippt, was ihm so grad in den Kopf kommt, und das dann raushaut, sondern dass er mit Texten arbeitet, die er in einem anständigen Textverarbeitungsprogramm zuvor geschrieben hat und dann in seinen Blog hineinkopiert (dort muss er dann sämtliche Formatierungen ohnehin noch einmal von Hand nacharbeiten. Aber dass jetzt nach dem Relaunch alles – ALLES – verlorengeht und sogar jeder Absatz von Hand nachbearbeitet werden muss – das ist eine neue Dimension des Blog-Grauens).
Vermutlich denken die, dass es unter den Blogbetreibern die Superhyperchecker gibt (die programmieren können) und die Hausfrauen (die nicht programmieren können). Offenbar wollen die nur erstere noch mit ihrem Geschäftsmodell bedienen. (Und ja: Ich zahle meine Webseite, freilich nicht über WordPress, sondern über meinen Provider, bei dem ich WordPress als ‚Oberfläche‘ benutzen kann.)

Ich bin aber ein bloggender witwesker Eisbär, eine Hausfrau auf meiner Eisscholle (und darunter), kein Superhyperchecker, und ich weiß nicht, ob ich nach diesem unendlich verschissenen Relaunch mit WordPress nun weiterbloggen möchte.

~ ~ ~
HA!
Es gibt ein „Plugin“ – das macht diesen ganzen Relaunch fast völlig ungeschehen! Ich arbeite jetzt damit.
(Und diese Typen hatten tatsächlich den Nerv, das ganze „Gutenberg“ zu nennen …)

Überlegungen zum witwesken Kaufrausch – oder: Atmen.

277 Kaufrauschgedanken
Ich miste weiterhin den Kleiderschrank aus: Wieder zwei Tüten voller Uni-Dozentinnen-Pullis sind im Container gelandet und nochmals ein Doppelbett-Bezug (ich war überrascht, ihn doppelt vorzufinden, dachte ich doch, alle Doppelbett-Bezüge bereits ausgemistet zu haben).
Im Kleiderschrank hängen allerdings immer noch Kleidungsstücke, die ich letztmals in Leben #1, also vor zehn Jahren (eher vor zwölf, danach waren 15 Monate Krebs) zuletzt getragen habe; manche davon nur zwei-, dreimal: öffentliches Vortragsoutfit, private Festtagsseide. – So, wie es sich derzeit anfühlt, kann auch das bald weg.
Obwohl fast alles noch passt und noch ‚gut‘ ist.

Genauso wie vor neuneinhalb Jahren beim Aussortieren der Kleidungsstücke des Lebensmenschen aus unserem Kleiderschrank: Auch die waren fast alle noch ‚gut‘.
Ich hatte zuvor das Sweatshirt und die Shorts, in denen er zuletzt (Anfang August 2009) joggen war und die noch immer über dem Stuhl in seinem Arbeitszimmer hingen (Juni 2011), an mich genommen, damit sie nicht mitaussortiert würden.

Sie liegen bis heute ungewaschen in einer Blechschachtel im Kleiderschrank. Zusammen mit dem – nicht von mir, aber gewaschenen – Handtuch, auf dem er in meinem Arm starb.
Alles andere von seiner Kleidung hat eine Freundin auf meine Bitte hin etwa ein halbes Jahr nach seinem Tod in Tüten verpackt. Und wir haben die dann gemeinsam auf dem vollbeladenen flitzeroten Fahrrad zum Container transportiert.
Alles davon war noch ‚gut‘. (Ich hatte dann jahrelang Angst davor, jemandem in seiner Lederjacke zu begegnen.)

Nun also meine Kleidung. Und das alte Bettzeug.
Mit dem Unterschied: Ich miste nicht nur aus. Ich wechsle aus, ich erwerbe also neu.

Mit dem Balkon fing es an: Statt der sich allmählich auflösenden Plastikstühle stand dort vor fünf Jahren plötzlich der Deckchair. Mit der Kleidung ging es ein Jahr später weiter und hat noch nicht wieder aufgehört. Dann kam die Musik dazu (die derzeit coronamaßnahmenbedingt weitgehend pausiert). Und schließlich ging es in die Wohnung hinein: Es kamen Kissenhüllen und eine Decke, Teetassen, Handtücher, meine [sic!] Bilder, das Bettzeug, die vom Lebensmenschen angekündigten, aber von mir dann ausgeführten „Baumaßnahmen“, das Geschirr und nun sogar eine kleine Weide fürs flitzerote Fahrrad samt neuem „Besuchereingang“, auf welchem das flitzerote Fahrrad ja weidet (die Witwe hat neue Fußmatten gekauft).

Cocooning – ja’a! Auf der Eisscholle.
Konsum. Fort/Da. Im Witwesk.
Ja.
_ _ _
Der Lebensmensch hat in seinem letzten Sommer nichts mehr haben wollen. Noch nicht einmal mehr neue Socken, obwohl die alten fadenscheinig geworden waren. „Wer weiß, ob ich die noch brauchen, ob ich sie noch anziehen werde“, so sagte er.
Nie habe ich ihm gesagt, dass mich dieser Satz jedes Mal beinah ausradiert hat.

Denn: Verdammt – ja!! : Keiner kann je wissen, ob er seine Socken noch einmal anziehen wird. Keiner. Egal ob mit oder ohne Krebs. KEINER kann wissen, ob er seine Socken noch einmal anziehen wird!
Aber jeder, der vor einem Stapel neuer Socken steht, kann spüren, ob er Lust hat, nochmals neue zu kaufen. Auch wenn er ganz genau weiß, dass er nicht wissen kann, ob er sie jemals anziehen wird.

~ ~ ~
Ich habe mich in diese Struktur des Lebensmenschen so zutiefst eingearbeitet und einarbeiten lassen.
Sie ist mir auch teilweise altvertraut. (Auch deshalb ging das Einarbeiten so einfach.)
~

Ich aber, i-c-h erwerbe neue Socken, neues Geschirr, neue Fußmatten, neue Bettwäsche und erstmals in all meinen Leben Opern-Abos und Kleider. Und ich lade etwa jeden vierten oder siebenten Abend meinen Tod zu mir ein, freundlich, sachlich, entschieden.

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Nachher kommt die neue Bettwäsche. Wenn sie da ist, werfe ich die letzte mit dem Lebensmenschen geteilte, die nun etwa 18 Jahre alt ist, weg.
Und nachher kommt die Weide für’s flitzerote Fahrrad im Flur und es kommt der Rest der neuen Fußmatten. Wenn ich also am Abend vom iron-widow-Parcours komme, dann werde ich vor meiner Wohnungstür ein Kunstwerk betreten können. Und mein Herz wird machen, dass ich ein- und ausatme, sanft & tief. Und wenn ich davor schon gestorben sein sollte, ist es genauso.