Des Menschen Lebensunersättlichkeit

276 Gier

Heute las ich in der „Zeit“ (in die ich seit vielen Jahren nur noch selten gucke, weil sie schon vor langer Zeit so banal geworden ist) ein Interview mit einer Trauernden, deren Vater an (mit?) Covid19 gestorben ist. Mich hat vor allem interessiert, ob man erfährt, wie alt dieser Vater geworden ist.
Man tut es; dazu gleich.

Mein Vater ist mit 75 Jahren und nach etlichen Krankheitsleidensjahren gestorben. Ich war gerade 33 geworden, und einen Monat später fand die Disputation meiner Doktorarbeit statt.
Mein Lebensmensch ist mit knapp 47 Jahren gestorben, nach 15 Monaten des Krebsbehandlungsirrsinns. Ich war gerade 43 geworden, und danach fand in diesem Leben von mir nichts mehr statt: es war beendet.

Der Vater jener interviewten Frau wurde 80 Jahre alt und hat diese 80 Lebensjahre offenbar bei weitgehend guter Gesundheit und überwiegend in auch sonstigem Glück verleben dürfen („Bis zu seinem harten Tod hatte er ein schönes Leben“).

~ ~ ~
Bei der Lektüre dieses Interviews wurde mir wieder einmal klar, wie obsessiv die Menschen hierzulande unser aller (und damit die eigene) Sterblichkeit verleugnen.

Einigermaßen gesund und unbeschwert 80 Jahre alt werden zu dürfen – welch ein Geschenk!
Doch das sieht keiner mehr.
Alle erwarten: Ewigkeit. {Eine Vorstellung, die mir schon immer das größte Grauen bereitet hat.}

Und so sieht auch das Interview aus.
Nur ganz an dessen Ende taucht einmal kurz das Wort „dankbar“ auf – freilich geht es da nicht um Dankbarkeit dafür, dass der Vater so alt geworden ist (und noch dazu unter so glücklichen Umständen). Vielmehr geht es darum, dankbarer zu werden, weil es einem selbst ja gerade so gut ginge.
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Heute habe ich noch einmal konsumiert. Ich habe nochmals zwei Kleidungsstücke gekauft: Der Kleiderschrankt enthält nun wirklich fast nichts mehr von der einstigen Uni-Dozentin. Und ich habe noch ein paar Teile vom neuen Geschirr gekauft (ja! Tatsächlich!).
Weil Wetter und Geisteslage so waren, konnte ich mit dem flitzeroten Fahrrad fahren, einmal quer durch die Innenstadt von West nach Ost (und wieder zurück). Dabei bin ich an Großgruppen von Menschen vorbeigekommen, die offenbar bei der morgigen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen mitlaufen wollen. Reichsbürgerflaggen, Neonazi-Glatzköpfe, WutbürgerInnen, nicht nur sächselnde Ehepaare in Happening-Stimmung. Massenweise Polizei (schon gleich hinter der TU eine Wanne nach der anderen).
Die verleugnen alle miteinander genauso unser aller Sterblichkeit wie diejenigen, die etwaige Corona-Gefahren hoch- und runterbeten.

Ich bin ein witwesker Eisbär. Jetzt – nach bald zehn Jahren im Witwesk – mit neu bestücktem Kleider- und Geschirrschrank. Ich bin dankbar für die knapp 14 Lebensjahre, die ich mit dem Lebensmenschen verbringen konnte. Ich bin dankbar dafür, dass ich jetzt, im Jahre 10 auf der Eisscholle, psychisch und finanziell wieder imstande bin, ab und an Waren zu erwerben, die mir Momente ästhetischen Wohlgefallens schenken. Und ich lade fast jeden Abend meinen Tod zu mir ein (obwohl ich immer noch Angst vor ihm habe), denn ich bin sicher: Sterben zu können ist eine Gnade, und ich will nicht verlernen, dem Leben zumindest dafür dankbar zu sein.

„Ellipse“ mit zwei „L“, Frau Laude!


Ellipse mit zwei L
Und so etwas wie ich nennt sich nun nebenberufliche „Deutsch-Dozentin“ – tz!

Dass ich jetzt diesen kürzlich hier gemachten Fehler (einen von so vielen) entdeckte, passt zu allem.
Ich versuche nicht mehr, mich damit rauszureden, dass Mathe-Wörter noch nie mir eigen waren – als Wortwesen sollte ich auf der Meta-Ebene bleiben und schlicht keine Fehler machen und wenn doch (sie sind ja unvermeidlich), frühzeitig nachsehen. Denn oft spüre ich ja, wenn da etwas heikel ist [sic!].
{ Unvergessen: Mein Änigma. Der Lebensmensch hat auf humanistischer Bildungsgrundlage massive Zweifel angemeldet. Ich habe recherchiert, bin bei meinem Umlaut geblieben. Niemand der KorrekturleserInnen hat protestiert (außer dem Lebensmenschen). Und so steht es in diesem Aufsatz über Walther und Neidhart und die Leerstelle. – Wenn’s wenigstens eine neue geschaffen hätte; aber es wird ohnehin nicht mehr gelesen. Nur einer hat mich später korrigiert, ein Bibliothekar aus Bremen, dem ich immer noch herzlich danke. }

– Passen also will mir das, passend erscheinen jedenfalls: Die „Deutsch-Dozentin“ nicht als Viren-, sondern als Fehler-Schleuder, mithin eine vollkommene Fehlbesetzung.
Aus der früheren Dozentin ist ja bereits nichts geworden, auch sie eine absolute Fehlbesetzung. Jetzt also zeigt’s sich am L: der neuerliche Betrug von Frau Laude. „Deutsch-Dozentin“, tz!

Doch wieder gibt es mehr als zwei. Die Rechnung geht so nicht auf! Sowohl damals als auch heute habe öch nöcht betrogen und es nöcht nöcht getan. Enigma mit „Ä“, Ellipse mit einem „L“: Ich habe diese Fehler begangen.
Mich ihrer geschämt. Über sie gesprochen – immer: über sie gesprochen dort, wo ich sie begangen habe (zum Beispiel über jeden meiner mir erkenntlichen Fehler in jedem Seminar, in jedem Integrationskurs).
Doch es gibt mehr als zwei! Mehr als Fehlermachen und Fehleroffenlegen. So geht die Rechnung nicht auf!
Ich war und bin eine Fehlbesetzung, war und bin eine Täuschung, begehe Fehler und Täuschungen zeit meines Lebens, liefere darüber Rechenschaft ab und Korrekturfahnen.
– Doch so geht die Rechnung nicht auf!
Womöglich geht sie gar nicht auf.

Ich merk’ das schon so lange. Ich sehe es. Ich spüre es. Ich verstehe es nicht.
So aber folgt fast nichts daraus, so bleibt nur ein Änikmah, das mich langsam zersetzt. Oder auch nicht. Oder was ganz anderes macht.
Alles also in bester Ordnung.

„Und dann und wann ein weißer Elefant“

275 Dativ-Tage
Heute, an einem der nun wirklich völlig überflüssigen Tage eines jeden Jahres, fehlt mir die Kettenkarussellfahrt, die ich bislang im Witwesk nur einmal – vor zwei Jahren – im Sommer (ein wenig früher als wir es nun haben) durchführen konnte.
Nachdem es das eine Mal tatsächlich geklappt und so viel Lust bereitet hatte, wollte ich es wiederholen, doch im letzten Jahr war wieder irgendwas (an das ich mich nicht erinnere), und in diesem war Corona.

Der Elefant Rilkes geht mir seit witweskem Jahr und Tag im Kopf herum. Dideldum.
So auch heute wieder.

Vorhin hab ich noch rasch einen Übungstext für’s DaZeln nachher geschrieben (in den Büchern und im Netz gibt es für Beginner auf A2 wenig Brauchbares an gemischten Nominativ-/Akkusativ-/Dativ-Übungen ohne allzuviele Pronomen und Präpositionen. Ich habe jetzt eine Kasus-Bestimmungsaufgabe geschrieben. Mal gucken, wie das funktioniert), Titel: „Ein Geburtstagsmorgen.“ – Schön viele Substantive in Nominativ, Akkusativ und Dativ ohne allzuviele Pronomen und Präpositionen. Halt ein perfekter Geburtstagsmorgen.

Dativ kommt von lat. „dare“ = dt. „geben“, da liegt es nahe, an Geburtstage zu denken.

Gestern gab ich mir etwas: Mein erstes Opern-Ticket sub coronā (Ablativ, hab nochmal nachgeguckt; Korrekturen gern im Kommentar!).
Am 28. März 2020 hätte dank meinem ‚Programm‘ gebuchter Tickets das nächste musikalische Ereignis (und wieder eine persönliche Premiere) für mich stattgefunden: „Aida“ in der Bismarck-Oper. – Wurde bekanntlich abgesagt.
Nun werde ich – vielleicht – im September am selben Ort einem „Best of Aida“ lauschen (zugegeben: zähneknrischend habe ich das Ticket für eine Veranstaltung solchen Namens gebucht), vielleicht, vielleicht.

Und dieses Corona-„Vielleicht“, das nun alle und jederzeit im Kopf haben müssen, wenn sie etwas planen – das macht mich ganz leicht.
Denn nun bin ich wenigstens diesbezüglich nicht mehr die beschwerliche Ausnahme.

~ Und dann und wann ein weißer Elefant, vielleicht. {Ich sollte mal wieder an ein Sonett gehn, mindestens in die Lyrik.}

Kreise, El*ipsen, manchmal Zickzack, und dann und wann Spiralen – oder: Sommer im Witwesk, diesmal 2020

274 Löwidows Spiralen
*siehe den 24.08.2020

Vorgestern zog ich wieder einen Kreis um jenes Sehnsuchtsdinges: fuhr auf dem flitzeroten Fahrrad einen neuen Weg zu den Bildern ab.

Der letzte Versuch im Juli ist ja fahrradverkehrstechnisch ernüchternd ausgefallen – ich hatte hier berichtet („Löwidows Kreise) –, vorgestern indes führte mich der Weg an der Rückseite vom Zoo vorbei (Nase also voll in Fell und Federn – gosh, so riecht blankes Leben!) und dann, nach kurzem Zickzack, am Kanal entlang fast bis zu den Bildern.

{Und 100 Meter weiter: zur Musik.
Soweit ich im Moment sehe, wird das mit der Musik und mir einstweilen nichts mehr aufgrund der sogenannten Corona-Maßnahmen: Beide von mir seit drei, vier Jahren aufgesuchten Opern-Häuser, die Philharmonie, der Boulez-Saal sind bereits ausverkauft für die wenigen „Corona“-Spezial-Vorstellungen (Musik-Fest) oder sind für eine wie mich zu teuer (Divan-Orchester). Der „normale Corona“-Vorverkauf startet am Montag, und ich bin sicher: Ich werde keine Karte erhaschen.}

Die Bilder sind – anders als die Musik – jetzt für mich witwesken Eisbären in „Corona“-Zeiten wahrnehmbar. Sie darf ich sehen.

*Memo @ me: Ja, da war was.
Neues.
Im Begriffe.
Zu werden.
Hier auf der witwesken Eisscholle, mir. – Das Ding mit der Musik.
Das war NEU! Das war in jeder Hinsicht neu.

Das war – wie auch die Nullsamkeit und das WEG SEHEN – ganz im Witwesk,
doch das Ding mit der Musik war hier endlich mal mit Sicherheit was Gutes,
und es war fast ohne mich, war ‚nur‘ meine Ohren, ‚nur‘ mein Gehör – es ließ mich

ja: Die Musik ließ mich. (Das war ganz neu.)

In der Deutschen Oper vor allem; manchmal auch in der Staatsoper, der Philharmonie, dem Boulezsaal, dem Konzerthaus und (einmalig bislang) dem Kammermusiksaal.
– Und mir fehlt das.
Dass man, irgendetwas mich einfach lässt.
Einfach so vorhandensein lässt.
Das ging ganz neu in der Musik.
Die ist nun verboten oder stets ausgebucht oder unerschwinglich.

Und so ziehe ich jetzt meine Kreise um die Bilder.
Die mir – anders als die Musik – aus Leben #1 bekannt sind, und wenn nicht sie selbst, dann deren Rezeption.

Schnurrt die Witwe also mal wieder in sich zusammen; auch das kennt se noch aus Leben #1: „Wag’s nur, dich zu strecken …!“

Immerhin: In die Bilder mich zu strecken, schaffte ich schon in Leben #1. Und seither weiß ich, dass sie zuvor undenkbare Räume eröffnen.

Noch aber habe ich kein Ticket zu den Bildern gekauft.
Noch ziehe ich – so ist das mit Ambivalenzen, mindestens – meine Kreise drumrum.

~ ~ ~
֍ Ob ich wohl jemals beides haben dürfte: Bild und Musik? ֍
, Frau Laude!
– Wer sagt das? (Ich glaub’ es ihm ja, aber: Wer sagt und macht das?)

 

Nochmals bilderlos: Aufräumen (II)

1. Immer wieder denke ich an die, die – alt oder jung – nun seit fünf Monaten unter „Corona-Maßnahmen-Bedingungen“ hierzulande entweder eine harte (da gibt’s Unterschiede) Chemotherapie oder den Sterbeprozess durchmachen müssen. Ich denke an die direkt Betroffenen, und ich denke an ihre Lebensmenschen.
Doch ich stoppe diesen Gedanken
nach wenigen Sekunden. Denn er ist sinnlos. Ich weiß nicht, wie diese Menschen heutzutage damit umgehen, und ich habe vor zehn Jahren erlebt, dass ein jeder Krebskranke und Krebsangehörige anders damit umging. Und ich stoppe den Gedanken auch, weil er mich ganz schnell auf uns zurückwirft – und wir wären jetzt vermutlich noch elendiger verreckt, als wir es de facto damals ohne Corona taten.
Dennoch lässt dieses gedankliche Geschehen samt seinem ständigen raschen Stopp in mir ein sehr großes Ungenügen zurück – nicht nur ein Gefühl des persönlichen Ungenügens, sondern auch ein überwältigendes Ungenügen des Außen.

2. Dazu will passen: Die Diplompsychologin, zu der mein Lebensmensch damals während der Chemotherapie etwa ein halbes Jahr lang nur unregelmäßig ging, weil Schmerzen und Chemo-Beeinträchtigungen keine Planbarkeit mehr zuließen, hat sich vor wenigen Tagen über meine im Winter 2019 auf Jameda abgegebene Bewertung (5,6) samt Begründung beschwert.
Ich wurde von Jameda aufgefordert, erneut Stellung zu beziehen.
Das tat ich.
Doch nun lernte ich, dass man nur binnen vier Jahren dort Bewertungen abgeben darf. Aufgrund dessen wurde meine Bewertung dieser als „Psychoonkologin“ firmierenden Dipl.Psych. jetzt endgültig gelöscht.

– Diese Frau hat damals behauptet, dass nunmehr kein Krebskranker mehr Schmerzen leiden müsse. Sie hat diese Behauptung uns via Mail geschrieben mitten in einem der schlimmsten Schmerzensstürme.
– Diese Frau hat es sehr begrüßt, von mir über unsere komplementärmedizinischen Unternehmungen informiert zu werden (mehrmals fragte ich sie, ob ich sie nicht aus dem privaten Mail-Verteiler nehmen solle). Sie hat sich offenbar an unseren Erfahrungen mit einem Heiler (die wir kritische Akademiker in jeder Hinsicht sehr seltsam und hinsichtlich ihrer schulmedizinischen Effekte sehr bemerkenswert fanden) ergötzt.
– Diese Frau hat mir direkt nach dem Tod des Lebensmenschen vorgegaukelt, Ähnliches erlebt zu haben wie zunächst wir, wie dann irgendwann nur noch ich. Wenige Jahre später teilte sie mir mit, dass sie glückliche Oma sei.

Jetzt ist meine Bewertung auf diesem lächerlichen Portal also gelöscht worden. Weil sie fünf Jahre zu spät erfolgte. Es war die einzige Bewertung dieser Dipl.Psych. (was in der Branche nicht untypisch ist: keine internetalen Bewertungen zu erhalten).
Und sie war so lächerlich wie dieses Portal:
Natürlich konnte sie nie jemanden davor „bewahren“, dieser Dipl.Psych. erneut auf den Leim zu gehen. Und offenbar hat sie auch diese Dipl.Psych. nicht dazu „gebracht“, ihr Tun zu überdenken. (Hat sie ja auch keinen Grund zu, so als glückliche Oma. Und überhaupt!)

~
Aufräumen. Genau!
Also:
Tschüss, Dipl.Psych. B. Sch.!
{Und dass es mich freut, dass deren Initialen ein Schimpfwort ergeben, lässt mich wissen, dass ich noch länger fegen muss.}

Noch einmal Corona – in Zahlen, ohne Bilder

Eine Studie über Gütersloh/Tönnies, über die die FAZ berichtet (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/was-wurde-aus-dem-corona-ausbruch-in-guetersloh-16901964.html):

2100 Corona-Infektionen (oder 1712 – worauf sich die folgende Zahl bezieht, wird in dem Artikel leider nicht klar).
43 davon im Krankenhaus gewesen.
Davon 27 „ernsthaft erkrankt“ – jedenfalls laut eigenem Bekunden (von medizinischen Diagnosen ist in dem FAZ-Artikel nur teilweise die Rede; und: Klar – Angst vor Atemnot MACHT Atemnot).
Keiner beatmet.
Keiner gestorben.

Und deshalb haben wir Milliarden von Menschen weltweit die Existenzgrundlage entzogen und/oder werden sie in die Armut schicken, Millionen auch hierzulande.

Ich leugne nicht die zigtausend Toten in den USA, in Brasilien, in Spanien, in Italien und andernorts.
Die meisten dieser Toten sind alt geworden.
Die meisten dieser Toten waren schon vor der Corona-Infektion krank, oft schwer krank.
Die meisten dieser Toten hatten keine Krankenversicherung und haben bis zum Letzten gewartet, bevor sie – wenn überhaupt – medizinische Hilfe suchten.
Manche dieser Toten sind jung gestorben.

Ich erinnere daran:
Die Menschen sterben. Und das ist gut so.
Sie sterben in den ehemals sogenannten Industrieländern durchschnittlich so ab 80 – wie nun fast alle Corona-Toten.
Manche sterben weit früher – wie nun auch ein paar Corona-Tote.

Ich erinnere daran: Das Leben ist tödlich. Und das ist gut so.
Jetzt in Corona-Zeiten hat man hierzulande alles – ALLES – dafür getan, das vergessen zu können.
Man hat die Sterbenden allein krepieren lassen, indem man ihnen verboten hat, Besuch zu bekommen. Man hat den Krebskranken verboten, sich behandeln zu lassen. Man hat die Dementen tödlich isoliert, indem man ihnen verboten hat, am Leben teilzunehmen. Man hat die HIV-Infizierten in Afrika nicht mehr mit Medikamenten versorgt und kein Wort darüber verloren, so dass eine halbe Million mehr als üblich von ihnen sterben wird. Man hat den Kapitalismus, der sonst doch hochheilig ist, abgeschafft und mit Bürgergeld=Steuern um sich geworfen, um die kapitalismusrelevanten Branchen zu pimpern und den anderen ein paar Brosamen hinzustreuen, bestenfalls in die Augen.
Und all das, weil man den Tod nicht ertragen kann.
Der übrigens jetzt, in Zeiten von Corona, so arbeitet wie vorher: Er kommt zu den Alten, er kommt zu den Kranken. Und manchmal kommt er auch zu den jungen Gesunden.
Und er hat nichts gemein mit dem Pest-Tod und nichts mit dem der Spanischen Grippe, nichts!
Aber wir haben ihn benutzt, um Milliarden von Menschen in den Tod zu treiben (die nun schon gestorben sind und die noch sterben werden – wohlgemerkt: nicht an oder auch nur mit Corona) – nur weil wir so entsetzliche Angst vor dem Tod haben.

Meingott, was ekelt mich dieses Menschenpack

Die ganze Menagerie ist im Sommer

273 Sommer
Nun ist er doch noch gekommen: der Sommer, nachdem Juni und Juli eher kühl, trüb und wie halt irgendwas waren. – Jetzt ist er doch da: der Sommer.
Und die ganze Schollen-Menagerie ist drin: vom gefiederten Gesellen über her majesty bis hin zum größten an Land lebenden Raubtier, sogar der Mitbewohner – alle tief im Sommer!
Ein jedes von ihnen schwitzt anders. Aber alle fühlen: Jetzt ist Sommer. Und ein jedes weiß: Noch strömt es hell und warm aus der Zeit, noch.
{Und ein jedes stoppt irgendwann den Gedanken an das, was wieder kommen wird.
Noch strömen Licht und Wärme aus der Zeit!}

Dass ich dankbar bin für diese Menagerie, habe ich noch nie gesagt, vermutlich auch noch nie zu Ende gedacht.
Ich bin dankbar der mir manchmal auf der Schulter sitzende Krähe, bin Löwidow dankbar, dem witwesken Eisbären und erstrecht dem zugezogenen Mitbewohner.
Wir teilen uns die Scholle, das Witwesk. Wir bewegen uns auf dem, was ist. Ein jedes auf seine Weise. Jeden Tag wieder.
Und ich bin gottverdammt froh drum, dass ich teilen kann, dass ich das alles auf alle aufteilen kann.

Jetzt teilen wir den Sommer, teilen Helligkeit und Wärme.
Schwitzen aber tut ein jedes auf seine Weise.
(Und alles, was zu tun ist, was wirklich gemacht werden muss, obliegt weiterhin allein mir. – Das war schon immer so; auch damals, als ganz Andere ständig Teilungsansprüche anmeldeten.
Gut, dass ich jetzt weiß: Ich kann es einfach bleiben lassen; alles.)

Ich nehme das nicht persönlich.

272 Neues Geschirr
Nö, mach ich nicht! Ich bin ja keine Psychotikerin – die nehmen die ganze Welt persönlich und denken (und fordern), dass sich alles nur um sie drehen würde.
Mir ist heute einfach nur der neue Drucker nach anderthalb Jahren kaputt gegangen. – Jetzt, nachdem ich gestern, am Freitag, tatsächlich auch das alte Geschirr ausgeräumt habe, um dem neuen Platz zu machen.
Denn ja: Ich habe es tatsächlich erworben! Das neue Geschirr. Mein Gesamtlebens Zweites nach dem „Rondo“ von Ikea. (Diesmal allerdings ‚nur‘ für 6, nicht für 8.)

Habe es erworben im Schweiße meines Angesichts:
Zwei Stunden lang in einer Kreuzberger Fabrikhalle habe ich die 14 Teile bei etwa 33 Grad erst zusammengesucht, dann zum Bus, von dort in die U-Bahn und schließlich nach Hause geschleppt, im Geschirrspüler verstaut und danach auf dem Esstisch verteilt – in immer wieder wechselnden Kombinationen (denn: alles passt zusammen und ein jedes sieht doch anders aus!).
Und ich habe mich daran erfreut!

Obwohl ich vermutlich niemals mehr in eine Situation kommen werde, in der ich auch nur vier der sechs Gedecke gleichzeitig auf dem Tisch haben werde, weil keine vier Personen hier mehr gleichzeitig essen werden.

Ich habe mich daran erfreut!
Und ich erfreue mich daran.
Weil ich jetzt – nach all diesen Jahrzehnten in Weiß – immer einen anderen Teller aus dem Set wählen kann: mal den ein wenig mintfarbenen, mal den mit mehr Türkis, mal den dünenfarbigen, mal den, in dem der Atlantik schillert, mal den, der ist wie ein Sandboden unter flachen Meereswellen, oder mal den mit dem Abendhimmel kurz nach Sonnenuntergang nördlich von Lissabon. Und mal in groß und mal in klein – und mal als Schälchen! (Und meinen Salat gibt’s künftig aus einem Sonnenauf- oder einem Schnorchelgang an Felsenküste.)

Und dass heute der nur knapp anderthalb Jahre alte Drucker kaputt gegangen ist, das ist einfach nur ein bedeutungsloser Zufall, keine Bestrafung dafür, dass ich nun Geld für dieses Geschirr ausgegeben habe. Ja! Einfach nur ein Zufall.

~
Und wahrlich: Dieses Geschirr ist schön und macht Spaß!
Mir. Ganz allein mir, ganz ohne Gedeck für zwei, für vier, erst recht ohne „große Tafel“ (von denen es in Leben Nr. 1 – uns jeweils gemäß – nur selten eine gab).

Gestern gab’s Käsebrot auf Sonnenaufgang, heute Mittag extra gesalzene Bauerngurken auf Gischt. Morgen wird vermutlich ein Melonentag auf einer Sandbank sein. Und abends gibt es dann vielleicht eine Caprese in der blauen Grotte.
Alles auf meiner Tafel. Ohne Buchung, ohne Flug, ohne Hotel. Alles einfach auf meiner Tafel.

Und ganz allein für mich. (Und nicht zuletzt durch mich. – Darüber wäre vielleicht mal genauer nachzudenken.)

Ausräumen

271 Ausräumen

Bald – in fast drei Monaten – werden wir zehn Jahre tot sein.
Das beschäftigt mich.
(Und wenn jetzt wieder einmal jemand das Offensichtliche sagt, nämlich, dass ich doch gar nicht tot sei, dann werde ich ihm wieder einmal erklären, dass vor zehn Jahren diejenige, die ich damals nach Langem und durchaus einigen Mühen endlich zu werden im Begriffe war, genauso gestorben ist wie der Lebensmensch, nur dass ihm obendrein auch noch physisch der Tod beschert ward.)

Ich räume aus.

Schon lange, seit Jahren, immer wieder mal.
Die falschen Vertrauten, die damals schon längst keine mehr waren, als erstes. Als zweites dann aus blanker finanzieller Not unsere Arbeitszimmer. All die falschen Freunde über Jahre hin. Meinen Kleiderschrank mit all diesen Uni-Klamotten seit diesem Frühjahr. Nunmehr vielleicht auch unser Geschirr, das, bevor es unsers wurde, lange Jahre zuvor mein Geschirr gewesen war (nur damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: „Rondo“ von Ikea, aber immerhin für 8 Personen) . Alte Mails (von den falschen Freunden und den genauso verlogenen Bekannten).
Und auch jene Mördergrube in meinem Herzen, in die ich eine Ex des Lebensmenschen gesteckt habe, die – nach Ewigkeiten ohne Besuch – drei Wochen vor seinem Tod noch einmal bei uns aufkreuzte, und die – eine Ärztin – sich bis heute trotz meiner etlichen Anfragen weigert, mir zu sagen, was sie dem Lebensmenschen damals erzählte, das ihn dann mitveranlasste, alle Hoffnung endgültig fahren zu lassen, denn nach deren Besuch ging nichts mehr von dem, was zuvor noch einigermaßen gegangen war (essen, schlafen, lesen, denken, Schmerzen aushalten, Hoffnung haben)
– sogar diese Mördergrube in meinem Herzen versuche ich auszuräumen: Eine Korrelation ist nicht zwangsläufig eine Kausalität! {Und wenn in diesem Falle doch, dann hätte sie damals dank ihrer Position in seinem Leben und in ihrem ihm womöglich einen Herzenswunsch erfüllt, was mich dankbar machen würde. Und wozu ich damals aufgrund meiner Position in seinem Leben und in meinem Leben nicht instandgesetzt gewesen wäre. – Doch das ist alles nicht zu wissen.}

Wenn ich Glück habe, wird sie leer bleiben, die Mördergrube in meinem Herzen.
Aber bleiben wird sie.

Leer geblieben ist übrigens vieles, seitdem ich ausräume. Vieles, das zum Zentrum gehört, welches selbst ja seit bald zehn Jahren vollkommen leer ist. *
Die Peripherie konnte und kann ich – immer wieder zu meinem Erstaunen – neu füllen: Die einstigen Arbeitszimmer mit einer Mieterin oder einem Mieter (alles sehr nette Menschen, da hatte ich ein Riesenglück bisher); den Kleiderschrank mit neuer Garderobe; jetzt vielleicht die dann erst noch zu schaffende Lücke vom alten Geschirr durch ein neues.

Mich wundert nicht, dass ich materialiter fülle. Es geht nur um die Peripherie. (Doch was heißt da „nur“? Ich habe auf meiner Eisscholle sechs, sieben Jahre lang wie Gregor auf dem Stein existiert.)
Das Zentrum bleibt leer.

* – Und nur damit erneut keine falschen Vorstellungen aufkommen: Allmählich findet der Gedanke in mir Platz, dass das Zentrum immer leer ist.
Ich weiß und wusste stets, dass nicht ich das Zentrum bin und dass nicht der Lebensmensch das Zentrum ist: Wir haben acht Jahre lang eine 750 Kilometer-Fernbeziehung in inniger Liebe und durchdringender wissenschaftlicher Neugier gelebt.
Im Krebs sind wir beide gemeinsam dann 15 Monate lang zu etwas geworden, das ich für das Zentrum hielt. Denn es musste da leider von Anfang an ein GEGEN her – gegen alle und alles.
Und mit ungeheurer Intensität. Mit ungeheuerlicher Intensität. Mit Supernova-Intensität (– sorry, aber die glüht mich bis heute ein paar Grad weit ins Leben).
So etwas kann irrtümlich durchaus für ein Zentrum gehalten werden. Mir jedenfalls ist das passiert.

Erst langsam lerne ich: Wenn man so irrsinnig gegen alle und alles kämpfen muss, wird man kein Zentrum, denn dann muss man darauf bedacht sein, von allen und allem abzuprallen. (Das war damals überlebensnotwendig. Andernfalls hätten wir keine drei Wochen überlebt. Und dass wir die überlebten, ist im Rückblick sinnlos: Die 15 Monate, die wir dann insgesamt überlebten, waren eine Wanderung durch eine Art Hölle.
Diese aber hatte immerhin ein Ende.)

Erst langsam erinnere ich mich:
Das Zentrum ist immer leer. Seit Menschengedenken.
Vielleicht, damit die Menschen Platz zum Denken haben.

PS:
Ich habe vorgestern nicht daran gedacht, dass da vor elf Jahren die erste Diagnose kam. (So, wie ich in den letzten Jahren mehrfach schon mehrere der Krebs-Daten – und sogar einige der Liebestage – vergessen habe.)
Ich weiß, dass ich nicht vergessen kann, wie das war damals: die erste Diagnose. Und wie das, was darauf folgte, war.
Aber wenn ich anfangen kann, nicht mehr am Datum daran zu denken, dann ist vielleicht irgendwann meine Lebenswelt soweit ausgeräumt, dass das Denken selbst wieder Platz findet.
Und Denken ist alles: Phantasie, Analyse, Deduktion, Experiment, Traum, Abstraktion, Zweifel, Induktion, Rück- und Rundweg, Synthese, Ausfallschritt, Versuch, Tanz und
ist
ohne Fühlen nicht möglich.

Nochmals: Ich weiß nicht, wie „das“ ist!

270 Nochmal Nein!

Der Tod – also das Sterben und die Trauer sind immer anders.
Im Vergleich zum Leben hierzulande jedenfalls erscheinen sie mir sehr viel unterschiedlicher.

Diejenigen freilich, die damit bisher nur aus der Ferne – sei es der familären oder freundschaftlichen oder gar nur aus der Ferne gedanklicher Abstraktion – zu tun hatten, die sehen nur, wie sehr sich Särge, Urnen und Grabstellen gleichen, und denken vielleicht deshalb, dass auch das Sterben und der Tod immer gleich erlebt würden: ‚Kennst du eins, kennst du alle.‘

Doch wenn mir jetzt noch einmal anlässlich des aktuellen Todesfalles im Hause einer der Nachbarn sagt: „Du weißt ja, wie das ist“, werde ich endlich (hat ja ein paar Wochen gedauert) lachen und sagen können, was ist:
NEIN, ich weiß es nicht. Denn dieses Sterben, dieser Tod und diese Trauer sind vollkommen anders als das, was wir und dann ich erlebt haben und was ich bis heute erlebe.

Und ich werde den Nachbarn – falls mir irgendeiner von denen noch einmal sagt, dass ich das ja alles kennte – sagen: Okay, für euch ist der Tod nun zehn Jahre näher gerückt, vielleicht seid ihr deshalb jetzt so ‚betroffen‘; oder ihr denkt, dass 70jährige Witwer im Gegensatz zu 40jährigen Witwen eingekauft bekommen und bekocht werden müssen. Denn vor zehn Jahren habt ihr noch kein Wort, keine Geste, keine Lebensmitteltüte an der Tür zum verwitweten Haushalt deponiert. (Und ich hätte all das damals euch vermutlich freundlich und bestimmt vor eure Tür zurückgestellt. Aber ihr habt es nie versucht. Also: Wer weiß.)
Wahrscheinlich aber liegt das alles einfach nur daran, dass zehn Jahre vergangen sind, und dass damit der Tod euch ein wenig – natürlich nur ein ganz kleinklein wenig – näher gerückt ist.

~ Und natürlich werde ich das nicht sagen.
Es wäre viel zu viel Text. Noch dazu unangenehmer. Und das, wo doch alle langsam wieder aus den Ferien zurückkehren in ihre mehr oder minder gelingenden Leben.

Ich schreibe es hier. Weil es keinen Ort gibt, an dem ich es sagen kann – schon gar nicht in den Tür- und Angel-Gesprächen in einem Mehrfamilien-Haus (sic, die Dinger heißen wirklich so!).