Dass wir verrückt geworden sind, ist völlig logisch

nach10 Jahren: Zimt!

Vorgestern Abend habe ich seit langem wieder einmal die Mails gelesen, die ich in den etwa sechs letzten Wochen vor dem Tod verschickt habe; wie schon seit einem Jahr handelte es sich dabei fast ausschließlich um Status-Bulletins, die an die damals noch sogefühlten Freunde gingen.

Es ist ein paar Jahre her, dass ich sie zuletzt las, und mit diesem Abstand ist mir noch deutlicher geworden, was ich länger schon weiß: Dass wir damals verrückt wurden, ist völlig logisch.

Für das, was damals passierte (auch, und immer wieder und wieder, durch Irrsinnsagieren von ÄrztInnen), fände ich heute keine Worte mehr. Damals mitten im Erleben all dessen fanden sich aber Worte ein (ja, die kamen zu mir. Ich hatte keine Zeit, nach ihnen zu suchen).
Und auch an dem zum Teil fassungslosen Gestammel, das als Antwort auf diese Mails zurückkam, sehe ich: Was damals passierte – was damals uns passierte, dem Lebensmenschen und mir –, das war so, dass es nicht erstaunlich ist, dass wir darüber verrückt geworden sind.

Alle „Krebsverläufe“, die ich persönlich erlebt habe oder denen ich als Krebsforenzeugin beiwohnte oder von denen ich gelesen oder gehört habe, waren und sind vollkommen anders. Da war und ist viel mehr Kontinuität, viel mehr Lehrbuchverlauf (viel mehr medizinische Betreuung auch und viel mehr Schmerzbehandlung). Und ich weiß, dass jetzt wieder manche, die hier lesen, denken: „Ach, ist mal wieder die Narzisstin u./o. Dramaqueen C. Laude unterwegs …“. Und wie immer ist mir das ziemlich egal.

Gestern habe ich einem Menschen, den ich seit bald zehn Jahren kenne, ein wenig von den letzten etwa sechs Wochen, die da vor zehn Jahren waren, erzählt. Nicht zum ersten Mal. Erstmals aber sind ein paar der Fakten bei der Person angekommen (offenbar sind sie so unvorstellbar & grotesk, dass man sie auf Teufel komm raus abwehren muss), und es ist wohl auch ein wenig dessen, wie sich das damals angefühlt hat für uns, bei dieser Person angekommen.

Das aber „hilft“ nicht.
Wie immer: Mir „hilft“ erzählen nicht. Mir hilft „mit-teilen“ nicht. (Tschuldigung, aber auch da strafe ich alle probaten Psychotherapie-Theorien Lügen.)
Ich habe einen Lyrik-Band und einen Roman hindurch davon gesprochen. – Es hat mir nicht „geholfen“. (Und das hätte es auch nicht getan, wenn die Lyrik oder der Roman einen Verlag gefunden hätten.)

Es gibt keine „Hilfe“ [für solche wie mich].
Es gibt nur das Augenklar (wieder einmal thx @ Gryphius!): Sehen, was ist. An Aktionen und Reaktionen. An Gefühlen, fremden (jaja: die kann man oft sehen!) und eigenen. Und auch im eigenen Kopf: sehen, was da ist.

Augenklar auf die letzten sechs Wochen vor zehn Jahren geguckt:
Es ist völlig normal, dass wir damals verrückt geworden sind.

Und ich habe mich vorgestern bei und nach der Lektüre jener Mails aus den letzten etwa sechs Wochen auch gefragt, ob es irgendwann einen anderen Weg gegeben hätte, ob es also für uns an irgendeinem Punkt möglich gewesen wäre, aus diesem kompletten Irrsinn rauszukommen (und nein: das heißt nicht einzig „überleben“, das heißt auch „besser sterben“, wie so viele es tun).
– Augenklar draufgeguckt: Nein. Wir haben keinen Ausgang übersehen. Wir waren wir. Wir konnten uns nicht entkommen.

Augenklar sein.
Sich nichts vormachen.
Sich nicht in etwas flüchten, das ohnehin wie alles vergeht
& sich nicht auf etwas berufen, das ohnehin nicht zu fassen ist.

Augenklar sein und den Geschmack von August-Zimt auf der Zunge haben – merci (uff pälzisch), toter Liebster, merci

Leben im Witwesk wird (womöglich) zu: Witwesk leben

November also, wieder einmal. Der elf/zehnte im Witwesk.
Wie immer rutschen Momente aus dem Sterben ins Jetzt: immer Bilder (meist nur ein Schnipsel, wie von einem zerfetzten Foto), oft auch ein Ton (interessanterweise stets ohne Geräusch), manchmal ein Gefühl (doch die sind von allem am schlechtesten zu fassen).

Ich habe während drei, vier Jahren nach dem Tod diese Momente und einige andere aufzuschreiben versucht. Irgendwann wiederholten sie sich, aber ich fand keine neuen Wörter mehr. Da habe ich damit aufgehört.
Die Wörter, die ich gefunden habe, halte ich nach wie vor für gültig als Moment-Aufnahmen. Sie stehen in der „Nullsamkeit“. Manch verwackelte sind – obwohl ich damals bei der Auswahl wirklich lange gesiebt habe – hineingeraten, denn wie sie zum Dekor zerlaufen, bildet auch etwas ab, das war. Ein paar sind sehr scharf und zeigen genau den exakten Bildausschnitt.

Und weil ich auch als witwesker Eisbär anfangs noch dachte, ohne kohärente Geschichte nicht leben zu können, ließ ich dann einen Anderen in mir aus diesen und etlichen anderen Momenten heraus eine Geschichte mit Anfang und Mitte und Ende machen. Sie steht im „WEG SEHEN“.
Dort steht kein Wort zu viel, keins zu wenig und kein verwackeltes, denn sie gehen nicht auf Fotofetzen zurück und diese Worte erzählt in mir ein Anderer aus mir heraus.
Doch auch dessen Geschichte ist nicht kohärent.

Mittlerweile bin ich angekommen im Witwesk: in Wittibs kafkaeskem wild, wild west. Da gibt es keinerlei kohärente Geschichten, keinerlei Synästhesien und auch keine Wortunerschöpflichkeit. Was es da gibt, steht zum Teil hier.
~

Gestern gab es dort die letzte Oper. Denn dank Ordre de Mutti müssen ab heute erneut alle Kulturspielstätten schließen. Für den ganzen Todesmonat November. (Dabei war ich so froh, an seinem Ende erstmals eine Totenmesse, die Messa da Requiem von Verdi, lebendig gespielt hören zu dürfen, sofern ich solange leben würde.)
Die letzte Oper gestern schloss fulminant (und so passend) mit der Zugabe aus dem dritten Akt, der Schluss-Fuge Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone. („Alles auf der Welt/Die ganze Welt ist ein Scherz, der Mensch wird als Narr geboren.“)
Und ich bin erneut neugierig geworden auf einen ungeheuerlichen, blutjungen Sopran, den ich schon ein-, zweimal gehört habe und vielleicht nochmal oder niemehr: Meechot Marrero.

Apropos Neugier: Ich habe bereits vor ein paar Tagen beschlossen, endlich im Witwesk anzukommen, denn ich bin nun seit fast zehn Jahren darin, und sich immer noch dagegen zu wehren, nur weil damals mein Sterben vergeblich war, ist mittlerweile lächerlich: Ich bin mit meinem Tod damals gescheitert, und noch nie hat im Falle eines Scheiterns ein Grund gezählt: Versager bleibt Versager (auch „Oxaliplatinversager“, thx@ Herrn Prof. Dr. Piso, Regensburg: Zu lernen, so einer zu sein, hat dem Lebensmenschen damals bei seinem Beschluss vermutlich ungemein geholfen).

Also habe ich beschlossen: Wenn der Tod zum 11. Mal über mich gekommen sein wird und ich mich – ebenso ungefragt – danach zum 11. Mal wieder in die Welt gestellt haben sollte, dann werde ich nicht mehr nur im Witwesk sein, nö,
dann werde ich witwesk leben.

{Und das mache ich doch schon längst, unbeachteter- nein: uneingestandenermaßen.
Letzte Beispiele: Die Sofa-Reparatur; die Gefühle bei der Lektüre jenes nicht mir geschenkten, nun aber auf mich gekommenen Buches; die Opern und Konzerte. Was ich seither spüre, ist, wie Lebenslust & Todesmut in mir gedeihen. Und ich erfreue mich an beidem gleichermaßen.}

Ticktackticktack, so wie vor zehn Jahren, so wie immer: Die Zeit vergeht.


Die läuft auch jetzt auf das Ende zu wie immer. Und ich sehe – ticktackticktack – immer wieder ein Bild von damals: damals, also kurz vor dem Ende.

Ich habe ein Buch zu Ende gelesen. Eins, das mir nicht gehört. Der Lebensmensch hat es im ersten Jahr unseres Bundes seiner früheren Partnerin zum Geburtstag geschenkt.
Die hat es ihm im Todesjahr zurückgeschenkt.
Dann war es viele Jahre lang verschollen, bis es vor zwei, drei Jahren wieder auftauchte in einem Haus in der Pfalz. Und von dort an mich geriet.
Nun habe ich es viele Wochen lang gelesen, jetzt zu Ende.
Ticktackticktack.

Es erzählt eine der größten Liebesgeschichten, und ganz sicher mit die verrückteste überhaupt. Um dieser Geschichte willen liebe ich es. Es erzählt von dem, was ich selbst fühlen und in den Augen des Lebensmenschen sehen durfte, wenn er mich ansah, manchmal.

Es gehört mir nicht.
Er hat es nicht mir geschenkt, sondern seiner 2. oder 2½sten Partnerin.
Doch es ist nun auf seltsamen Umwegen zu mir gekommen.

Und ich habe es gelesen: Habe eine der wundervollsten Lieben gelesen, die die Literatur erzählt.
Und liebe den Lebensmenschen, liebe den toten Lebensmenschen. Weiß nicht, warum er gestorben ist, da vor zehn Jahren, weiß es nicht.
Und weiß wieder einmal: Ich habe nicht gereicht. Meine Liebe hat nicht gereicht.
Nicht mir hat er diese Geschichte geschenkt.
Er hat sie im ersten Jahr unseres Bundes einem Menschen geschenkt, der ihn zwei Jahre zuvor verlassen hatte, weil ein anderer Mann für diesen Menschen potenter war; hat sie einem Menschen geschenkt, der ganz am Schluss – nach etlichen Jahren – wenige Tage vor dem Tod des Lebensmenschen zu Besuch kam und den Tod im Handgepäck hatte.

Nicht mir hat er dieses Buch, diese ungeheuerlich große Liebesgeschichte geschenkt. Sondern diesem Menschen, seiner vorigen Partnerin.

Nun, da das Buch auf seltsamen Wegen zu mir gekommen ist, habe ich es gelesen. Ich habe lange daran gelesen. Und wieder gelernt, dass ich nicht reiche, nie gereicht habe, dass meine Liebe nicht gereicht hat.

Ich liebe den Lebensmenschen. Immer noch. – Jetzt darf ich das gefahrlos. Damals habe ich das nicht gedurft, weil ich nicht reiche.
Aber ich habe es getan.
(Wenn ich dem Lebensmenschen – wie jener Mensch, dem er das Buch geschenkt hat und der kurz vor seinem Tod mit dem Tod im Handgepäck zu Besuch kam – wenigstens beim Sterben hätte behilflich sein können … Aber auch dazu habe ich nicht gereicht, weil ich nicht reiche.)

~ ~ ~
Jener Mensch, die vorige Partnerin, hat mich ein paar Tage nach dem Tod durch eine Verwandte gebeten, das Buch bitte zurückzusenden. Ich habe – ein paar Tage nach dem Tod in unserem gottverdammten Gepäck und sogar in dieser gottverdammten Ferienwohnung – einen gottverdammten Tag lang nach diesem Buch gesucht. Ich habe es nicht gefunden. Es ist erst sechs, sieben oder acht Jahre später zu mir gekommen.
Dieser Mensch hat den Tod im Handgepäck. Schon immer. Das reicht.

Der Lebensmensch hat diesem Menschen das Buch im ersten Jahr unseres Bundes geschenkt. Nicht mir.
Jetzt ist das Buch zu mir gekommen. Ich habe es gelesen. Ich habe die größte Liebesgeschichte meines Lektürelebens gelesen.
Ich bin das, was ihr „todtraurig“ nennt: Nicht mir hat der Lebensmensch dieses Buch geschenkt.
Ich bin tiefglücklich, weil ich dieses Buch nun lesen konnte, das Worte hat für eine ganz große Liebe, und weil es mir damit sagt, dass die Liebe, die ich erlebt habe (was immer wieder von Manchem angezweifelt wird), keine Einbildung ist: kein Phantasma und kein Narzissmus – nö: Sowas gibt’s dann und wann tatsächlich, und sogar inmitten allen Ungenügens.

Dieses Buch, das mir nicht gehört, steht nun in unserem Bücherregal zwischen unseren Büchern, meinen und denen des Lebensmenschen, denn jene Frau hat es ihm zurückgeschenkt.
Danach, nach dem Tod aber wollte sie es wiederhaben. Dafür wäre sie besser ohne den Tod im Handgepäck zu Besuch gekommen.
Sie hätte – im Gegensatz zu mir – vermutlich gereicht.

Wegen der wieder einmal aktuellen Corona-Politik der BRD-Medikokratie – oder: MedizinerInnen on Bundesverdienstkreuz und Dope, mithin im Normbereich ihrer Hybris

– und da ich, wie alles, was lebt, mitten auf dem Weg in den Tod bin, frage ich:

Wollen wir das Leben der Kinder und der jungen Menschen wirklich wieder einmal opfern – jetzt, damit wir und unsere Alten noch ein halbes Jahr, noch zwei Jahre, gar noch fünf oder zwanzig leben dürfen – die Alten womöglich ganz ohne sich selbst oder ständig wirbelbruchstürzend oder inmitten von beidem, also ohne Selbst und mit gebrochenen Knochen?

Wollen wir dafür das Leben der Kinder und der jungen Menschen wieder einmal opfern?
Für uns 50jährige, 60jährige und für die richtig Alten – für uns alle, die wir alle doch schon ein Leben gehabt haben, im Gegensatz zu den Kindern und den jungen Menschen. Wollen wir das?

Ich höre gerade etwas für mich ganz Altes:
Es geht in diesem Lied um Krieg (den sogenannten 1. Weltkrieg) und Soldaten, und es heißt dort:
„Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen, so, wie sie es mit uns heute immer noch tun. Und du hast ihnen alles gegeben: Deine Kraft, Deine Jugend, Dein Leben.“
(Hannes Wader: „Es ist an der Zeit“., dt. Nachdichtung von Eric Bogles: „No man’s land“ [auch: „The Green Fields of France“ oder „Willie McBride“].)

~ ~ ~

Ich frage mich seit Beginn dieser sogenannten Pandemie, was die Triebfeder der Reaktion unserer Gattung (Homo sapiens) darauf ist.
Spezieller: Ich frage mich, woher diese Panik stammt (also wie sie sich erklären lässt), die von den sogenannten ExpertInnen geschürt wird und die alles bestimmt, und zwar von Beginn an. (Denn sein wir doch einmal ehrlich: „Nicht-ExpertInnen“ durften auf „die Bedrohung“ nie eine persönliche Meinung entwickeln: Es gab und gibt im Zweifelsfall für die, also für uns alle Nicht-ExpertInnen, nur eins: Zwangsbeatmung. Notfalls – und abertausendfach genauso betrieben – bis zum Tod …)
Woher also stammt diese exorbitante Panik-Reaktion auf das Virus „SarsCoV2“, das viele, viele Menschenlebenlichtjahre davon entfernt ist, so zu wirken wie das Ebola-Virus oder das HIV-Virus?
Woher stammt diese Panik-Reaktion auf SarsCov2?

Nun.
Es sind alles Ärzte & Ärztinnen (oder AbsolventInnen benachbarter Fächer), die auf diese Weise reagieren. (Und auch VirologInnen und EpidemologInnen haben fast alle Medizin studiert.)
~

Seitdem ich denken kann, hatte ich mit ÄrztInnen zu tun (nie selbst als Patientin; und nach meinen Erfahrungen werde ich auch keine Patientin mehr werden).
Das sind fast alles zweifellos gutmeinende Menschen.
Das sind fast alles zweifellos sich selbst überschätzende Menschen (1er Abi [übrigens: auch ich bin eine Einserabiturientin], Papi is Chirurg, Chirurgenprof. oder Richter [schlimmstenfalls is Mami Internistin oder Haut-/Augen-/Frauenärztin], Hippoeid und Pferdchen sind also im Stall; oder auch die Kompensationsmaschine: Schlimme Herkunft, hochgekämpft, und nun Rettungsrakete im Weißkittel).
Das sind fast alles zweifellos LügnerInnen, weil sie es nicht zugeben können, wenn sie ratlos sind, wenn sie nicht weiterwissen, und dass sie etwas, was im Körper des Patienten passiert, nicht verstehen. – Ärzte und Ärztinnen lügen dann einfach und unzähligfach [sic!].
Und: Das sind fast alles zweifellos entsetzliche Feiglinge, sobald es ums und ans Sterben geht.

Für all das war ich mehrfach Zeugin, und ich werde Zeit meines Lebens nicht aufhören, davon Zeugnis abzulegen.
Nö, hör’ ich nicht mit auf.

Dass diese Gruppe der Gattung Homo sapiens, die sogenannten MedizinerInnen, die seit Jahrzehnten strenggenommen (guckt doch mal bitte in die Akten der diversen „Kammern“ und sonstigen Berufsorganisationen von ÄrztInnen) überwiegend nichts anderes sind als Standes-TechnokratInnen – dass die jetzt über uns alle bestimmen, so als hätte ich denen meine Wählerinnenstimme gegeben,
das
ist etwas,
für das ich kein Wort habe. Ich kann noch nicht einmal politisch vernehmlich Nein sagen, weil es für diese Medikokratie kein demokratisches Organ gibt in unserer Verfassung.

Aber es gibt alte Symbole für wortlose Freiheitsrechte:
Aufrechtstehen.
Und dann und wann die linke Faust geballt gen Himmel strecken.

Schichten

Sedimentschichten

Schritt für Schritt, Tag für Tag laufe ich in dieser Zeit auf den stattgehabten Tod zu.
Auf den kommenden laufe ich glücklicherweise wie alle Lebenden auch den Rest des Jahres zu, aber auf den Tod, der schon war, laufe ich jetzt Tag für Tag und Schritt für Schritt zu wie damals.
Bald wird er zum elften Mal sein (denn des Todes erstes Mal zählt, im Gegensatz zum ersten Mal der Geburt, mit).

Schon jetzt überlagern sich, wie immer, die Schichten.

Wir laufen Schritt für Schritt, Tag für Tag tiefer in diese rostige Stacheldrahtigkeit, wortlos, sachte blutend aus unzähligen. Tag für Tag tiefer. Hinein. In drei Wochen werden wir angekommen sein.
Und letztmalig etwas teilen. Ein Bett in einem fremden Krankenhaus. Eine Tasse Kaffee. Die Luft in einem Raum. Die Angst (nur stumm, nur stumm). Zärtlichkeiten. Die vorletzten Minuten. Dann noch, ein Zeit lang, unsern Blick.

Ich laufe wie am Schnürchen. Auch den erstmals problematischen Vertretungskurs habe ich nun mit Strenge, Lust und pädagogischem Charisma bezaubert, indem ich aufnahm, was aus ihm herauskam. Ich laufe in der Schmalspur und mache „funz, funz, funz“ – kein Lieben, kein Leben, kein Lesen und kein Schreiben mehr, aber ich laufe am Schnürchen aller Erwartungen, zum Teil auch meiner, und dass man nicht immer alle Erwartungen erfüllt, ist doch klar.

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Dass es nun eine „Dekade“ sein wird – ja, ich kann mich diesen Traditionen nicht entziehen. In diesem Jahr rollt sich die Stacheldrahtigkeit, die damals war in den letzten Wochen vorm und in langen Jahren nach dem Tod, erneut sehr rostig aus.
Ich laufe hinein, blute sacht’ unzählig.
Und ich laufe in der Spur, strahle sanft, tätig.

Und finde im Witwesk Bluten und Strahlen gleichermaßen ungehörig.

Politik im Witwesk – oder: Wie den Zerfall von Demokratie einem sagen, der 10 Jahre tot ist?

Eisbär auf Scholle scheitert am Schildern

Seit langem habe ich festgestellt, dass ich dem Lebensmenschen (der nun bald zehn Jahre tot sein wird) auch nicht mehr ansatzweise die Welt würde schildern können.
Nur „schildern“ – vom „Erklären“ muss ich schweigen. (Und vom „Andersmachen“ erst recht, denn das hat im Sinne eines Bessermachens nach Idee oder Parteiprogramm bekanntlich noch nie längerfristig funktioniert.)

Jetzt wäre endgültig die Zeit für meine Bankrotterklärung.
Denn ich bin Demokratin (und ja: Schon seit meinem 15 Lebensjahr weiß ich, dass das naiv und letztlich auch nur eine Bankrotterklärung gegenüber den Tatsachen ist; aber ich bin es bis heute geblieben: ‚Alle staatliche Gewalt geht vom Volke aus‘, und das „Volk“ weiß 1., dass Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden bedeutet, und 2., dass der Menschheitsevolution neben allem anderen eine starke Tendenz zu Kooperation, Empathie und mithin zu Gerechtigkeit genuin eigen ist).

Als Demokratin ist nun also endgültig die Zeit für meine Bankrotterklärung gekommen:
Regierungen beschließen nunmehr Gesetze und gesetzesanaloge Verordnungen – nicht mehr die dafür in unserer Demokratie ehemals, rechtmäßig und guten Grundes zuständigen Parlamente.
Per Ordre de Mufti der Landesregierung wird aktuell ein Landkreis aus unserer föderalen Demokratie ausgesperrt:
Den Menschen dort ist verboten, auf die Straße zu treten, wenn sie es wollen; ihnen ist es verboten, sich zu politischen Gesprächen zu versammeln; ihnen ist es verboten, Bildungseinrichtungen zu besuchen (auch den Kindern: Bildungseinrichtungen! Den Kindern! Verboten! Nachdem wir durch die Verbote vom Frühjahr bis zum Sommer gelernt haben, was ein solches Bildungsverbot für unzählige Kinder hierzulande heißt! Nachdem wir das gelernt haben!!! Wir Demokraten!).

All das haben alle Menschen in unserer bundesrepublikanischen Demokratie bereits wochenlang und monatelang im Frühjahr diesen Jahres mit sich machen lassen.
Nun beginnt es wieder. Und noch viel selbstherrlicher als damals.

Ich bin sicher, bald wird es nicht mehr eine vereinzelte Ordre de Mufti sein, wie nun von Markus Söder (und geplant von Jens Spahn), sondern viele, und irgendwann wird noch eine Ordre de „Mutti“ von Angela Merkel im Kreise all ihrer föderalen Regierungschefskinderlein kommen, die da lauten wird:
„Sterben verboten!!! Zuwiderhandlungen werden mit regierungsamtlicher Demontage der persönlichen Integrität und/oder mittels Zugriff seitens medialer Disruptoren und virologischer Raptoren und/oder durch staatlich lizensierte internetale Trollzuchtstätten geahndet.“

Das aber geht derzeit demokratietheoretisch noch nicht in diesem Land – Grundgesetz sei dank.
Es wird Zeit, das auch demokratiepraktisch wieder hinzukriegen.

Doch wenn ich das denke, sehe ich den Lebensmenschen vor mir:
Er würde nicht verstehen, was ich ihm über den Status quo der Bundesrepublik, Europas oder gar der Welt zu schildern hätte.
Aber er würde meinen vergeblichen Schilderungen entnehmen, dass sich eigentlich nichts geändert hat.
Die Rückschläge in der Evolution des Homo sapiens werden immer wieder so massiv ausfallen, dass die Gattung aus einem bestimmten Entwicklungsradius nicht herauskommen wird.
Evolutionär ist in solchen Situationen dann nach xhunderttausend oder Millionen Jahren immer eine neue Spezies entstanden.

~ ~ ~
Ich bin froh darüber, durch keine Mutation meines Erbmaterials in Gestalt eines Kindes zur Entwicklung dieser neuen Spezies beigetragen zu haben. Denn sie wird nicht mehr menschlich sein. (Man sieht es bereits jetzt.)
Aber sie wird das zu ihrem Glück nicht mehr wissen.

Sofa kaputt


Schon länger schaue ich zu, wie sich das Leder auflöst.
Nur ab und an, zum Beispiel, wenn ich im Schneidersitz sitze, berühre ich die Stelle mit dem Fuß. Manchmal, selten, schleift mein Oberschenkel im Aufstehen darüber.

Jetzt ist das Sofa dort – und nur dort – kaputt. Das Leder ist seit etwa zwei Jahren an dieser Stelle erst brüchig geworden, nun eingerissen. Nach 23 Jahren.
Die Sitzhälfte des Lebensmenschen hingegen ist völlig intakt; etwas ausgeblichen, aber sonst völlig intakt, das Leder dick und geschmeidig.

Polstereibetriebe habe ich kontaktiert.
Nachdem ich kurz überlegt hatte, ob ich noch ein zweites und letztes Mal ein neues Sofa – doch was ich ästhetisch fein finde, kann ich nicht bezahlen, und will ich nicht erwerben:
Ich habe dieses Sofa allein gekauft, aber da waren der Lebensmensch und ich schon in ein gemeinsames Leben über unser beider Leben hinaus verwoben; und: Er hat unzählige Male darauf gesessen. Auf der Seite, die unversehrt ist, nur mittlerweile sehr blass geworden.

~
Eine Polsterei schlug vor, die defekte Sitzfläche durch einen Teil vom Sofarücken zu ersetzen.

Ich werde es nicht ersetzen lassen, weil es keinen Ersatz gibt für meine Lebensspur.

Ich werde ein neues Stück Leder in dieses Sofa einflicken lassen. Die Sitzfläche wird dann eine neue, etwas andere Farbe haben und eine neue Textur.
Es ist mein Sofa. Ich habe es allein gekauft. Ich habe es überwiegend allein besessen: von den 23 Jahren hat es der Lebensmensch ‚tagtäglich‘ nur fünf Jahre lang mit mir geteilt (zuvor war Fernbeziehung und danach der Krebs).
Und er wird bekanntlich nie wieder darauf sitzen.
Dabei ist seine Seite doch völlig intakt, das Leder dick und geschmeidig, nur verblichen.
{Vielleicht ist das Training für den Matratzenneuerwerb, der seit Jahren mehr als fällig ist?
Denn im Witwesk gilt: Nie ist ein Ersatz möglich. Immer gibt es – wenn überhaupt – nur das Neue. Und das muss weitgehend Flickwerk bleiben.
}

Witwesker Ressourcenauf/sbau – ausgerechnet heute

Ressourcen
Gestern Abend, also vor wenigen Stunden, war ich mit der ersten Freikarte, die ich überhaupt je in meinen zwei Leben geschenkt bekommen habe, in einem Konzert.
Weil ich zweimal ein Abo der Bismarck-Oper für die billigsten Plätze gekauft habe (und es ein weiteres Mal in diesem Jahr vergeblich zu erwerben versuchte), habe ich dieses Geschenk erhalten. (Mit einem Kalkül übrigens, das aufging: Ich habe nun die ermäßigte Saison-„Card“ und bereits zwei Tickets für dieses Jahr noch gekauft …; leider aber kam ich für die billigen Karten zur Walküre zu spät.)

Diese Freikarte gab es für einen „Liederabend“. Und der war eine sehr interessante Erfahrung für mich Musik-Kretin.
Zwei Menschen am Flügel begleiteten die Sänger*innen – und ich hatte den Eindruck, einmal Zeugin des mechanischen Notenabspielens während einer Probe von Ballettelevinnen zu sein und einmal dem virtuosen Durchleben eines jeden Tones und seines Zusammenhangs mit allen anderen auf dem Notenblatt und als Klang in der Luft beizuwohnen.
Ich hatte bei manchen Sängern (ja: allein bei den Jungs) den Eindruck, dass eine tolle Stimme, wenn sie nur laut ist, alles verliert, und dass Lautstärkemodulationen nichts helfen, wenn die Stimme sich immer gleich bleibt.
Und bei den Sängerinnen hatte ich den Eindruck, dass auch da riesige Unterschiede trotz geteilter Disziplin durchs Detail gegeben sind: Wer sich nichts traut, bleibt flach, klein, quadratisch. Wer Mut hat zum Registerwechsel und dem Risiko, übers Ziel hinauszuschießen (einem Risiko, das sich jederzeit in eine neue, fernere Ziellinie transformieren kann, sofern – ja: genau: Glück&Mut/Mut&Glück), wird hingegen ungemein hörbar.

– Um all das für die einzelnen Künster*innen und ihre gestrige Darbietung behaupten zu können, fehlt es mir natürlich vollkommen an jeder Expertise. (Und damit logischerweise auch gänzlich am Vokabular oder eher: an der Terminologie.)
Aber mir wird das immer gleichgültiger.
Ich hör’, was ich hör’. (Und ich höre mehr als noch vor einem Jahr.)

Und – ja: Das freut mich! {Oha! Die Witwe freut was – ausgerechnet heute!}
Und es macht mir Spaß, lebendig/‚live‘ gespielter und gesungener Musik zuzuhören. Es macht mir Spaß, dabei Unterschiede zu entdecken. Und es macht mir Spaß, all das auf meine Weise für mich zu benennen. {Huijuijui: Der Witwe macht was Spaß – ausgerechnet heute!}

Dass die Magie einer musikalischen Aufführung (sogenannter klassischer Musik), bei der ich Zeuge sein darf, für mich darin besteht, dass dort – im Ton, dem ich beiwohne {jaja: „beiwohne“, denn natürlich hat das etwas Libidinöses, gar etwas Erotisches} – Vergänglichkeit und Ewigkeit zusammenfallen, habe ich mindestens schon einmal hier zu sagen versucht.
Dass ich nun langsam sicherer werde in meinem Geschmacksurteil, weil ich mit meinen ungeschulten Ohren Unterschiede höre und sie für mich mit meinen unmusikalischen Worten ausdrücken kann – das freut mich.
Nicht zuletzt auch, weil es mich neugierig macht auf weitere Hör-Erfahrungen. {Jaja: die alte Lern- und damit Lebensgier; tatsächlich. – Ausgerechnet heute so klar.}

~
Gestern Vormittag habe ich eine am Vortag spontan erbetene Integrationskursvertretung durchgeführt. Vorgestern Nachmittag habe ich die etwa eine gute (und leider wie immer unbezahlte) Stunde lang vorbereitet. Im Unterricht waren wir streikbedingt zunächst sechs Personen, dann nur noch zu dritt. Die Gruppe kenne ich von diversen Vertretungen: sehr nett, sehr kommunikationsfreudig und partiell auch sehr fit. Nunmehr sind sie in der Prüfungsvorbereitungsphase, und auch gestern haben wir dementsprechend etwas geübt, das immer von allen Prüfungsteilen fast am meisten Angst macht. Alle haben das gut bis sehr gut bewältigt.
Einer Teilnehmerin stiegen Tränen in die Augen, als ich ihr das sagte.
– Darüber wären mehrere Beiträge hier fällig.
Heute nur dies:
Auch das war ein Moment, in dem ich das Zusammenfallen von Vergänglichkeit und Ewigkeit spürte. (Wie durchaus öfter mal in diesen Deutsch-Kursen – und früher in meinen 15 Dozentinnen-Jahren als Altgermanistin an der Uni auf dem Weg zur Professur so gut wie nie; aber das mag seine Gründe auch allein in mir oder der Institution haben und vielleicht nicht in der Tätigkeit.)

Das Erleben dieser Momente schüttelt ein Kissen auf und lässt gleichzeitig seine Daunen überhaupt erst sprießen.
In der Psychologie nennt man das irgendwas mit „Ressourcen“.
Ich lege meinen Kopf darauf. Und weiß um die Träume, derer ich mir doch nie sicher sein kann.

– Ausgerechnet heute:

Hochzeitstag

Ich möchte aus der Haut perlen,
möchte aus meinen Augen laufen,
mich in Deine Blicke tröpfeln
und unter Deine Lider gießen.

Ich möchte aus der Spur schlagen,
möchte aus meinen Zehen wachsen,
mich unter Deine Sohle flechten
und in Deinem Schritt mich wiegen.

Wie vor Jahr und Tag,
fast noch sommerlich,
warm das Licht, gesagt,

uns das Wort gesagt,
noch ganz herbstzeitlos
– vor Jahr und Tag.

(10.10.2012)

(© Corinna Laude, aus „Nullsamkeit“)

Bodycheck

Wenn alles gut läuft, treffen wir uns einmal im Jahr (wenn nicht, dann öfter). Und es liegt ja auch immer irgendetwas an, das Mülltonnen-Problem oder die Hofbegrünung zum Beispiel (wenn’s schlecht läuft, dann auch wieder Unsummen, die ein jeder von uns aufbringen muss).

Dabei sind immer etwa sechs oder sieben Paare (meist nur einteilig vertreten) und noch ein, zwei, drei andere, darunter ich.
Die Paare sind bis auf eines, das deutlich jünger ist, in unserem Alter – dem des Lebensmenschen und mir. Alle haben Kinder, mehrere. Und alle sind studiert oder anderweitig saturiert, alle sind Ärzte, selbständigflorierende Architekten & Ingenieure, leitende Beamte oder anderweitig Chefs, zum Teil auch gewesen.

Immer, wenn wir uns treffen (und das müssen wir einmal im Jahr), erlebe ich einen Bodycheck:
Schultern und Hüften rempeln mich an und bügeln dann über mich hinweg. – Ganz ohne Arg: Die dazugehörigen Körper laufen einfach durch ihren Lebensraum.
Dass so eine wie ich ihn ab und an mal mit ihnen teilen muss, nehmen die nicht wahr.

Heute klagten sie darüber, dass sie nicht den wie üblich geplanten jährlichen Viert- bis Fünfturlaub machen dürfen, weil die Corona-Regeln sich doch jetzt grad wieder geändert hätten; heute klagten sie darüber, dass man den Hof ja gar nicht mehr nutzen könne, weil die auf ihrem Mist gewachsenen Baumaßnahmen aus dem ein Trümmerfeld gemacht hätten; heute warfen sie im Geiste mit unser aller Geld um sich, weil sie von dem offenbar so viel scheffeln, dass ihnen gar nicht mehr klar ist,
dass hier Menschen leben.
Menschen also.
Die sehr viel weniger als sie an Einkünften haben.
Ich zum Beispiel. – Aber Halt: Ich bin ja ein witwesker Eisbär.

Heute war das ein harter Bodycheck: Mir ist wieder deutlich geworden, dass mich mittlerweile fast alles von den Menschen, jedenfalls denjenigen, die sich selbst dafür halten, trennt

und unterscheidet.

„Deppich“,


so sagt man in der Südpfalz zu einer Decke, einem Plaid.
Freilich gibt es dort auch eine ganz besondere Art von Decken (nie habe ich sie zuvor oder seither irgendwo gesehen): Sie sehen tatsächlich aus wie ein Orient-Teppich, funktionieren aber wie eine Decke.
Einmal, wenige Wochen vor dem Tod, lag der Lebensmensch darunter, auf einer Couch, die es schon lange nicht mehr gibt, in einem Haus, das es nun – wie ich zufällig erfuhr – für seine Bewohner auch nicht mehr gibt. (Die Telefonnummer habe ich jetzt gelöscht.)

Als die Tante gestorben war, da vor ein paar Jahren, wurde ich gefragt, ob ich etwas von ihr haben möchte. Ich habe eine Orchidee samt Topf und ein Sedum samt Erde mitgenommen; beide leben noch, wenn auch kleiner geworden und weitgehend blütenlos. Gern hätte ich auch einen ihrer „Deppiche“ mitgenommen (nein, unter keinem von ihnen habe ich den Lebensmenschen je liegen sehen), doch das fand ich unangenmessen, denn es gab Verwandte, denen das im Gegensatz zu mir zustand.

Als ich in diesem Jahr endlich eine richtige Decke kaufte, musste ich an die Deppiche der Palz denken. (Wie gesagt: So etwas wie dort habe ich nie wieder gesehen.)

~
Und jetzt weiß ich, was sich geändert hat.
Es ist kein Schwarzer Sturm mehr, der über mich kommt.
Es ist ein Deppich, der sich über mich legt: schwer, dicht, nicht wirklich anschmiegsam, aber dennoch weich – ein Deppich halt, nur ohne Farben.