Wegen des 5. Februars 2020, an dem sich „bürgerliche“ Parteien mitten in der gewendeten BRD durch Nazis an die ‚Macht‘ hieven lassen

Und nun hätte ich endgültig endlich gern die Mauer wieder!
Mit der wäre so ein Geschehen wie heute nicht möglich gewesen:

Eine Nullität [das Wort ist von einer Freundin geliehen] aus einer 0-5%-Hürdenpartei, der FDP, lässt sich mit Hilfe der BRD-Regierungspartei CDU durch die Stimmen der Nazi-Partei AfD zur Ministerpräsidentenmarionette wählen.

Ehemals „demokratische“ westdeutsche Parteien wie die CDU und die FDP machen NSDAP-Verhältnisse wieder möglich: 88, 87, 80 Jahre nach Hitlers Aufstieg, ein paar Tage nach dem 27. Januar – und ausgerechnet in „Thüringen“.

Wenn 15-jährige deutsche SchülerInnen heutzutage auf einer Klassenfahrt nach Auschwitz antisemitische „Witze“ machen, ist das DAS GRAUEN.
Wenn 50-jährige FDP- und CDU-Politiker heute mit den Nazis von der Höcke-AfD fraternisieren, um eine Nullität zum Ministerpräsidenten zu machen, ist das etwas,


mir fehlt dafür die Sprache.

„Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen“ (Paul Celan, Todesfuge)

~ ~ ~
Und ich finde es unerträglich, dass die AfD für unseren Verfassungschutz – also die, die das Grundgesetz beschützen sollten – einstweilen nur in ihrem „Flügel“ und der „Jungen Alternative“ als etwaig [!] verfassungsfeindlicher „Verdachtsfall“ gilt.
Doch (und das macht nichts erträglicher!) die Kontinuität der Nazi-Elite, die bewiesenermaßen unsere Verfassungsorgane ab 1945 geprägt hat (insbesondere Polizei und Bundeswehr, den Verfassungsschutz und wesentliche Teile der Judikative sowie leider auch ganz massiv das administrative Berufsbeamtentum in Gestalt all der ministerialen Volljuristen), wirkt auch heute noch weiter und schützt solche zweifellos und grundsätzlich wider das Grundgesetz agierenden und damit antidemokratischen und menschenrechtsfeindlichen Organisationen wie die NPD, die Republikaner, Pegida und die AfD (als ganze) bis hin zum NSU (der nicht nur antidemokratisch und menschenrechtsfeindlich war/ist, sondern Menschen ermordet hat/ermorden wird),
und was da sonst noch so unterwegs ist,
– vor allem in der ehemaligen Tätärä. Dort hat ja kein Mensch seine Nazi-Vergangenheit, die seiner Eltern, seiner Großeltern, auch nur angeschaut, weil sich alle einreden durften (oder mussten, was auf das gleiche hinausläuft), sie hätten keine Nazi-Vergangenheit.

Was am 5. Februar 2020 die FDP und die CDU in Thüringen gemacht haben (ausgerechnet in „Thüringen“ gemacht haben, auch dort aus blindwütigiger Machtgier, also aus dem in der BRD allerorten mittlerweile normalen Politgeschäftsgebaren heraus gemacht haben),
ist nicht nur dumpf, nicht nur strunzdumm, ist nicht nur geschichtsvergessen,
es ist nicht nur menschenverletztend,
es ist nicht nur menschenfeindlich,

es ist gemeingefährlich.

Ferner Hörnerklang

128 Im Griff behalten

Ja, ich hör’s. Eng wird es in mir, wenn ich es höre.
Und so viel Alles kann fortgerissen werden.
Durch Baumaßnahmen, die in die Witwenkasse vielleicht erneut ein Loch von etlichen Tausend Euro schlagen werden.
Durch die Notwendigkeit, den nächsten Kurs bis auf weiteres allein unterrichten zu müssen: also vier Abende pro Woche für wie lange auch immer, und das vermutlich auf der untersten Honorarstufe weit unterhalb des Bamf-„Mindesthonorars“ (was das Bamf durch ein Hintertürchen nicht nur gestattet, sondern fördert).
Durch meine neuerdings wieder einmal häufiger gestellte Frage nach Sinn, Perspektive, Zweck und Zielen.

So viel Alles kann fortgerissen werden.
Das geht ganz schnell. Wenn eintritt, was möglich wäre, wahrscheinlich ist: Baumaßnahmen und Mietendeckel, die einstweilige Verstetigung der Honorarminderung und die Erhöhung von Grundsteuer, Einkommensbesteuerung und Lebensmittel- sowie Energiekosten
– wenn das eintritt, wird erneut über den Abtritt nachzudenken sein.
Denn dann wird es für solche wie mich keine Opernbesuche – noch nicht einmal auf den üblichen sichtbehinderten Unterm-Dach-Plätzen – mehr geben, keine neuen Strickjacken dann und wann, keinen Ersatz für kaputtgehende Mal-Tablets, Sport- und überhaupt BHs, Straßenschuhe, Waschmaschinen, Bettwäsche, Gläser, Tassen, Teller und Zahnbürsten.

An all dem habe ich kurz vor und lange nach dem Beginn des Witwesk radikal sparen müssen: An Ersatz für kaputtgegangene Tassen, Straßenschuhe, Bettwäsche, Strickjacken, BHs und Zahnbürsten – von Mal-Tablets und Opernbesuchen (die freilich nicht kaputtgehen können und deshalb nicht richtig in diese Reihe hineinpassen) ganz zu schweigen.
Und bis heute kann ich nur wenig Geld für dergleichen ausgeben.
Wenn alles nun so kommen sollte, wie es scheint, dann wird auch das letzte Bisschen von dem, was hier war und möglich geworden ist in den letzten zwei, drei Jahren, noch fortgerissen werden.
Aber das ist ja nicht schlimm.
Hier war und ist ja kaum noch was.

Und wenn das Wenige dann weggerissen wird, freut’s Frau LomP[a]SHA[Reza Pachlavi in Tätärä-gegenderter Gestalt und entsprechend kognitiv zugemauert] samt Konsorten, denn mit dem weggerissenen Rest wird dann Frau LomP’schahs durch sie und ihresgleichen seit Januar verdoppelte Abgeordneten-Diät finanziert werden und ihre durch sie ab dem kommenden November halbierte Miete, denn so ein herrenloser Nachlass in Wohnungsgestalt* fließt ja in die Staatskasse – und Schulden hinterlasse ich nicht, da ist dummerweise die Generation derer, die mich erzeugt haben, vor.

{Noch nie bin ich davongelaufen. Vor keinem Schlag, keinem Grauen, keinem Ende, keinem Tod.
Vielleicht kann ich ja jetzt auf etwas zulaufen.}

*Wahrscheinlich wird mein Erbe wegen der Erbschaftssteuer und des Berliner Wohnungs„marktes“ ausgeschlagen werden müssen.

Stimmig

09 Das Fehlen

Da stelle ich mir vor, wie es wäre, frage mich, ob es mir möglich wäre, alle Zeit aufzugeben und nur noch im brutalplanen Jetzt zu sein, alle Erinnerung fahren zu lassen und damit, weil Zeit ja ein Gedankenkontinuum ist, auch gleichzeitig alle Hoffnung, also Zukunft.
– Und prompt träume ich vom Lebensmenschen, von dem ich in den ohnehin selten erinnerten Träumen so gut wie nie träume (in den neun Jahren seit dem Tod etwa 3-4 Mal), träume also vom Lebensmenschen und mir, träume Wiederholungsträume des Todes. Mal mit Rollentausch, mal ohne. Mal mit Wassertreten im entengrützigen hüfthohen Kneippbecken, mal im viel zu kleinen schwarzen kaputten Kleid, mal in einer Autowerkstatt, in der keine Autos repariert, sondern Todgeweihte mafiamäßig vertröstet werden, mal mit einem Autotransporter, der statt Autos Krankenbetten mit Palliativpatienten drin transportiert.

Aus diesem Krankenbett stand im letzten dieser zwei Träume der Lebensmensch auf und kletterte am Krankenbettentransporter-LKW herunter, während ich in und aus diesem schwarzen Kleidchen aufstand. Wir liefen aufeinander zu. Wir wussten um unseren Tod. Wir sahen, dass der Andere weinte. Wir hofften. Wir liefen zueinander, ineinander.

Er begann, den Kuss zu lösen. Ich fasste noch einmal nach, als sei es einfach unser Zungenspiel wie einst. Dann der Gedanke, dass ihm diese herabgebeugte Haltung noch mehr Schmerz zufügen wird, als ihm ohnehin im geschundenen Leib hockt. Da habe dann ich begonnen, unseren Kuss zu lösen.
Und bin aufgewacht.

Und alle Unterworfenheit war mit voller Wucht da wie seit langem nicht. Die Ohnmacht, die Angst, die Wut, die boden-, die end-, die lichtlose Traurigkeit, die Fassungslosigkeit: das Wissen, überstiegen zu werden, überbordet, und vollkommen überfragt zu sein: nicht gefragt zu werden.

Selten weine ich. Heute zweimal. (Wie immer hat es nichts geändert.)

Der Traum ist anders als alle bisher.

Er hat zwei Wünsche in mir geweckt; beide sind gleich:
Nochmals einen unserer Küsse zu träumen und nicht mehr aufzuwachen.
Unser beider zeitversetztes Kuss-Lösen aus dem Traum ins Witwesk zu übersetzen und meine Zunge dem Wintersprühregen, der weltpolitische Idiotie, den witwesken Sinnfragen herauszustrecken und sie dann in Buchstabensuppe zu stippen.

Das Witwesk

02 Meerwunderspuren
ist eine Landschaft des Fehlens, des Mangels und der Defizite.

Hier fehlt es an Beziehung und Bezogenheit, an Zärtlichkeit, an der während langer Jahre erworbenen Sprache der Blicke, der Hände, der Stille, an Geld / Beruf / Familie, an der Erlaubnis zu existieren als der Mensch, der man geworden ist, und immer wieder grundlegend an „Sinn“ – oder wohl eher: an der einst (und auch damals schon mit Mühe nur) erarbeiteten Überzeugung, dass es so etwas wie „Sinn“ gäbe.

Seitdem ich nicht mehr schreiben kann, wird dieser „Sinn“-Mangel immer größer. Solange ich noch schreiben konnte, war es mir möglich, beim Abflug ins Wortall zu denken, dass ich etwas dort finden, messen und dokumentieren, also etwas mitteilen könne.

Mit dem Schreib-Mangel, der sich nunmehr seit über einem Jahr als Leerstelle neben dem beruflichen Defizit & dem Fehlen des Lebensmenschen {also neben dem Verlust des Lebens als Arbeit und Liebe} aufgetan hat, die beide sehr viel älter sind – mit dem Schreib-Mangel, so könnte es sein, komme ich womöglich langsam ans Ende.
Ich hoffe es!
Und es ist mir im Moment ziemlich egal, welches Ende das dann sein wird.

Es gibt mehrere Varianten, unten denen ich zwei präferiere:
Nr. 1. Über die lasse ich nichts verlauten.
Nr. 2. Mein Empfinden aller Defizite, Mängel und allen Fehlens endet. Ganz einfach, indem ich aufhöre, das Jetzt und das Früher zu vergleichen. Ich höre, wenn ich mich erinnere, auf, gleichzeitig die von einst und die von jetzt zu sein, und bin stattdessen nur noch die von jetzt. {Damit ginge einher, dass auch alle Erinnerung das Leben, das ihr zur Zeit noch eigen ist, verlöre.} – Bin nur noch die von jetzt:
Kann jetzt das Fahrrad genommen oder muss wg. Regens ein BVG-Ticket eingelöst werden? / Wird jetzt der Kurs und bis zu welcher Seite kommen? / Esse ich jetzt etwas oder nichts? / Ich bin totmüde, oder? / Der Kaffee schmeckt nach Kaffee. / Mir ist vermutlich kalt. // Und kein Gedanke vorwärts! Und kein Gedanke zurück!
{Pech dann nur, wenn das Geld auf dem Konto für das BVG-Ticket nicht mehr reicht, kein Kurs mehr stattfindet, der Kühlschrank leer, das Handy und alle Kontakte kaputt sind, der Schlaf nicht kommen will, kein Kaffee mehr da und die Heizung abgestellt ist. – Aber das alles ist nicht von diesem brutalplanen JETZT aus gedacht.}
Nur noch die von JETZT sein. Kein Früher. Kein Später.

Das hieße auch: das Witwesk aufgeben.

~ ~ ~
Hier ist aber nicht nur Minus, hier ist noch „Schreiben“.
In Anführungszeichen, weil dieses Schreiben nicht mehr zählt. Im Gegensatz zu Qualifikationsarbeiten, Forschungsexposés und selbstdeklarierten Romanprojekten.
Als ich so etwas noch vorweisen konnte, zählte es.
Was zählte da eigentlich? – Das blanke Machen, Mitspielenwollen, Regeltun? Denn alle Resultate – ob Scheitern, ob Erfolg – zählten gleich.
Und bei wem zählte es? – Das 1+1+1+1+etc.pp.: Bei allen Zählern, bis heute.

Hier im Witwesk ist noch das Schreiben. Gibt es noch Vergangenheit. Ist Gegenwart. Wird Zukunft gedacht (meist gefürchtet, manchmal, selten, gehofft).
Hier ist kein brutalplanes Jetzt. Hier ist Schreiben.
{Ob das gut ist, ist eine andere Frage.}

Das Witwesk ist eine öde Landschaft voller Leere. Sinnleer und emotional verödet.
Das Schreiben aber ist noch hier: „Und dann und wann ein weißer Elefant.“

Opera buffa – oder: Selten so ein „Lachen“ gehört

243 Opera buffa1
Die erste Opera buffa im Witwesk (meine Mozarte zähle ich da nicht mit; denke, das ist okay) – und wohl auch die letzte.
Lindenoper. Musikalisch auf und unter der Bühne vermutlich top. Die Inszenierung – ein Jahr jünger als ich [!] – in dem minimalistischen Bühnenbild zeitlos gescheit. Performativ auf und unter der Bühne voller Spiellust.
Aber: Das Publikum (zumindest auf den sichteingeschränkten Plätzen) war ein Alptraum. Im zweiten Akt nach der Pause lachte es dann ganz ungehemmt. Darunter war ein Gelächter übelster Sorte: ein lautes „Ahrr-Hrr-Hrrr“, das jegliche Musik übertönte und leider direkt von dem Platz über meinem aus unzählige Male losblökte. Einmal litt ich es nicht mehr und drehte mich langsam um, den Finger auf den Lippen – das zerzaustschütterbärtige alte Kind mit sichteinschränkender Augenstellung, das ich erblickte, weckte neben Wut auch Ekel in mir. Seine fürchterlichen Amüsement-Bekundungen fielen in der Folge jedoch nur noch lauter und länger aus. Gern hätte ich dieser Person nach dem Schlussapplaus statt eines neuerlichen Besuches von Opernhäusern ein Zirkusticket anempfohlen, doch leider sah ich diesen Menschen nicht mehr.

Schon im ersten Akt hatte mein Sitznachbar zur Rechten (und damit bühnenblicktechnisch ‚vor‘ mir, denn wir saßen im II. Rang rechts) die Balustrade vor den Sitzen für sich entdeckt und ohne Rücksicht auf die Sichtverluste anderer sich ungehemmt mit Armen, Brust und langbebartetem Kinn darauf geworfen, so dass ich entweder fast nichts mehr von der Bühne sah und statt dessen auf seine untersetzte Silhouette (des Pullis hatte er sich entledigt und saß nun im schwarzen T-Shirt da) samt Talibanbartpracht blicken musste, oder die Augen schloss, oder meinerseits mich vorzubeugen und den Herrschaften links neben mir das Sichtfeld empfindlich einzuengen gezwungen war, wollte ich ein paar Blicke auf die Bühne erhaschen.
Etwa 20 Minuten vor Schluss schmiss sich dann dieser Pausen-Freud-Leser [!] zu meiner Rechten völlig ungehemmt so über die Balustrade, dass er mit der Achselhöhle darüber und folglich mir komplett in der Bühnenansicht hing, denn abwechselnd zauste er mit erhobenem gedrungenen Arm und so dick- wie kurzfingriger Hand entweder seinen Bart oder massierte seine Kopfhaut, derweil sein zwei Sitze breiter Schultergürtel auch noch die Sicht auf den Orchestergraben versperrte.
Ich habe ihm dann mit einem Finger ganz sacht auf die mir zugewandte seiner Schultern getippt und gestisch bedeutet, was er tut. Er schoss zurück an seine Rückenlehne und ging noch vor dem zweiten Vorhang. Ich hoffe, seine Freud-Lektüre ein wenig lebensweltlich angereichert zu haben. Und werde keine Opera buffa mehr sehen und hören, denn diese sah und hörte ich im Grunde ja auch schon nicht, zumindest nicht in der Lindenoper.
Ob ich da etwas versäumt habe, versäumen werde – hm, leise scharrt der Zweifel mit dem Fuß, denn was ich hören konnte, hat mich nicht erfasst, nicht durchdrungen, ist mir nie durch Mark und Bein geklungen. Ich lerne still für mich: Musikabend ohne Gänsehaut, ohne Atemhalt ist Amüsemang; die Ausgabe sinnlos, wenn nicht schmerzlich.

(Um Mahlers 6. in der Philharmonie einen Abend zuvor hatte ich mich vor langer Zeit vergeblich bemüht: Die wenigen Restkarten, die es damals noch gab, überstiegen das Budget der Witwenkasse bedauerlicherweise erheblich.)

~ . ~ . ~

Und zum Rest: Ich lächle.
Vielleicht kann ich morgen für einen Moment damit aufhören.

Lächeln

242 Lächeln
Und wieder: Ausschließlich meine Fehlleistungen, meine Fehler, meine Defizite, meine Verantwortung, mein Versagen.
Und wieder: Dass es mir Boden, Atem und Verstand nimmt, ist eine Überreaktion.
Und wieder also: Bin ich falsch, durch und durch, und falsch allein, ².
Währenddessen lächelt man.
~

Ich habe auch gelächelt. Nachdem ich die Tränen weggebissen hatte.
Ich habe auch gelächelt. Nachdem ich mich an jenes Wort vor wenigen Wochen erinnert hatte. {Es hat mich schon damals irritiert, weil es überhaupt nicht gepasst hat zu der Person, die es sprach.}
Ich habe auch gelächelt, als ich ging.
Ich habe danach auch im Kurs wieder oft gelächelt.

Ich lächle noch immer. Ich kann das: trotz allem und gegen alles, was in mir ist, lächeln.
Das macht frei. Giannozzo weiß, wie das ist.
Es entspannt nicht, es tut nicht gut, aber es macht frei.
Ich kann gut lächeln. Mein Lächeln reicht immer bis in meine Augen hinein, alles nur eine Frage von Sinnlosig- und Ehrlichkeit; ich kann gut lächeln, zumindest das.

Witwesker Wunsch

Präambelbild 2019 (Nö klein)
Vor kurzem war mein erstes Konzert in diesem Jahr. {Fast wäre ich nicht hingekommen, weil ich weiterhin keinen Umgang mit jener Erfahrung gefunden habe. Doch ich bin aufgestanden, wie letztens auch wieder die Traurigkeit, und hingefahren.}

Ich saß wegen des Witwenkassenbudgets wie immer auf einem der billigsten Plätze – und wie so oft sind die genial: Dieses Mal, weil ich direkt über dem Orchester saß.
Die Mezzosopranistin sang zwar nach vorn und wandte folglich den anderen und mir da oben unterm Dach den Rücken und etwa 15 Meter Höhenluft zu. Doch sang sie nur zweimal (beide Male allerdings atemberaubend, und das sogar nach oben-rückwärts; Alice Lackner ihr Name). Des Orchesters Spiel indes stieg zwei Stunden lang von nichts gebremst, durch nichts gefiltert zu mir hoch (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sein Name, Dirigat Vladimir Jurowski).
Und zwei- oder dreimal hat es sich in mein Zwerchfell gespielt.

Anders, als ich das von Rockkonzerten kenne (die ich unter anderem deswegen in Leben #1 nie gern und extrem selten besucht habe und im Witwesk gar nicht mehr besuche), hielt dieses Spiel mit meinem Zwerchfell nur eine kurze Zeit an. Und anders als ich’s bislang kannte: Ich möchte diese paar Takte nicht missen!

In der Pause habe ich das Witwenkassenbudget gesprengt und mir ein Glas Wein gekauft (+ Trinkgeld, das dem Cateringpersonal offenbar außer witwesken Eisbären nur wenige Andere geben).
Solche Pausen-Gänge sind weiterhin schwer für mich: Die wenigen Frauen, die allein Konzerte besuchen, klemmen sich in der Pause meistens erst aufs Clo, in der Schlange dorthin heimlich taxierend, dann knapp vor die Saaltür und das Programmheft unters Auge; die nicht wenigen Männer, die allein Konzerte besuchen, klemmen sich in der Pause meistens ihr Handy oder die Lustwandelnsluft vors Auge und mitunter, nicht selten, einen taxierenden Blick völlig offen hinein; all die Paare, die üblicherweise Konzerte besuchen, nehmen so, als sei das ganz natürlich, sehr viel Raum ein, da klemmt fast nie was, aber taxieren – das tun die beinah alle, und meistens klemmt sich deren Blick dann doch fest: bei einem, überwiegend einer, von denen, die allein sind.
Dieses Mal hatte ich Lust darauf, mich diesem Spießrutenlauf der Konzertpausen-Verklemmtheiten zu stellen (Schwere Arbeit kann bekanntlich manchmal Lustgefühle auslösen).
Ich sehe immer allen, die mich taxieren, in die Augen. – Das scheint sehr irritierend zu sein.
Mich stimmen diese irritierten Reaktionen, wenn ich in solcher Stimmung bin, immer kaltfroh: „Hab ich dich erwischt! In deinem Dünkel, in deinem Glauben an deine Unsterblichkeit, in deiner selbstüberzeugten Saturiertheit.“
Noch ein jedes hat bisher irgendwann den Blick gesenkt.

Als ich wieder zu Hause war, habe ich dem Ticket-Strauß, der am Kühlschrank hängt, noch eine Konzertkarte hinzugesteckt (man kann in der Pause ja auch einfach auf seinem Platz bleiben): Gleicher Platz (nur auf der anderen Seite des Konzerthauses), gleiches Orchester, gleicher Dirigent wie vor kurzem, kein Gesang, dafür ein Mozart-Klavier wie ja erst kürzlich im Witwesk, und Bruckner, den ichKretin erstmals entdecken darf (ja: die Existenz als Kretin hat sehr schöne Seiten!).

Dass Mahler mich mittlerweile zu begleiten begonnen hat, habe ich heute wieder gemerkt.
– Womit ich langsam zum witwesken Wunsch komme.

Der Lebensmensch ist tot. Und wird tot bleiben. Und das Allein² wird bleiben.
Ich bin – und werde es bis zu meinem Tod bleiben – für fast alle ein Vielflach außerhalb jeglicher Bildplanimetrie: unverständlich bis unkenntlich; das habe ich gerade wieder mehrfach erlebt.
Was also bleibt mir?
_______

Witwesker Wunsch:
Ich möchte unabhängig sein, frei und meine.

– Ich möchte nicht mehr wünschen, dass Menschen wenigstens ansatzweise erleiden, was wir erlitten haben – gleichgültig, wie dumpf, stumpf, brutal, ichig und dumm diese Menschen sind.
– Ich möchte nicht mehr wünschen, dass Menschen mich verstehen. Es soll mir reichen, dass ich sie oft verstehe.
– Ich möchte nicht mehr wünschen, dass Menschen auf meinem Weg zu meinem Tod wichtig seien. Ich gehe den schon lang allein.
Mit dem Wunsch nach dem nicht-mehr-Wünschen wünsche ich mir also, dass mir alles wieder so vollkommen gleichgültig wird wie direkt nach unserm Tod, und dass ich zum Beispiel das Geld ausgebe für Konzerte, für Freundesessen, für die Reise ans Meer, statt auf diese entsetzlich kleine Witwenkasse zu starren.

Unkenntlich bin ich für die Menschen, fast alle; bestenfalls unverständlich.
Das sollte ich endlich mal ernst nehmen.
Und unabhängig sein, frei und meine.

Gescheitert – Klappe, die ∞

241 Gescheitert
Etwas zu riskieren, birgt immer die Möglichkeit des Scheiterns.
Mein Risiko besteht darin, meinen Beziehungsraum zu öffnen, Kontakt aufzunehmen, Nähe zu suchen (womöglich gar so etwas wie Minutengeborgenheit), und auf ein – gegenseitiges – Verstehen zu hoffen, oder wie es bei Thomas Mann heißt, auf: „a recht’s a menschlich’s Verständnis“ (und da ich kein Adrian Leverkühn bin, sondern ein witwesker Eisbär, das halt nur für ein paar Minuten, maximal und wenn überhaupt).

Ich habe etwas riskiert und bin damit gescheitert.
Noch weiß ich keinen Umgang damit.

Ich bin vollkommen unverstanden worden.
Nicht miss-, sondern unverstanden.
Vor mir stand einer (wir begegnen uns seit Jahren, sprechen zu- und manchmal auch miteinander) und dachte, ich bin ein abstraktes Bild, ein Vielflach auf Farbgewölk, ein psychotisches Rendering.

Noch weiß ich keinen Umgang damit.
~ . ~ . ~

Neben diese betäubende Traurigkeit setzt sich die Sehnsucht.
Ich sehne mich nach dem Lebensmenschen. Weiß, dass er tot ist. Und so steht die Traurigkeit wieder auf.

Mal wieder Zensur

240 weiterweiter

Ich hatte einen Blogbeitrag über den aktuellen Integrationskurs und die unsägliche Bamf-Honorarpolitik geschrieben (auch für dieses Modul werde ich noch nicht einmal das „Mindesthonorar“ von 35 Euro pro Unterrichtsstunde erhalten, sondern nur 28 Euro, und netto werden davon in der Witwenkasse etwa 11-12 Euro pro Arbeitsstunde übrig bleiben – für eine Arbeit, die nur mit Universitätsstudium, aber ohne Krankheit und Urlaub getan werden darf; für eine Arbeit, die fast nur Frauen, viele davon selbst mit Migrationshintergrund, tun; für eine Arbeit, die deshalb so menschenunwürdig bezahlt wird, weil sie fast nur von Frauen getan wird – und wohlgemerkt vom bundesrepublikanischen Innenministerium so bezahlt wird, denn das Bamf ist eine von dessen untergeordneten Behörden).

Ich habe das alles wieder gelöscht.
Denn es ist vollkommen sinnlos, wenn ich hier oder an irgendeinem anderen Ort darüber berichte.
Ein Professor hat mich da auch schon mehrfach zurechtgewiesen: Er hat meine Berichte über die Honorarpolitik des Bamf „Jammern“ und „Klagerei“ genannt. Dann hat er mir Geld angeboten – „fahr doch mal in Urlaub!“. (Es hat Monate gedauert, bis ich begriffen habe, dass man solche Herrschaften mit dergleichen Berichten aus der Lebenswirklichkeit fünfzig Stockwerke unterhalb ihrer besser nicht konfrontiert: Man beschädigt letztlich nur sich selbst damit.)

Es ist vollkommen sinnlos, wenn ich hier darüber berichte. – Mithin noch sinnloser, als über das Witwesk hier zu berichten. Das nämlich ergibt noch einen Sinn, für eine, mich. (Und ich bin hier ja nicht nur die einzige Produzentin, sondern auch die einzige Rezipientin.)
Das Blogbeitragsbild ist gelebtes Spiel.
Der Text ist vollzogene Struktur.
Mitbewohners Erlebnisse sind der allmonatliche Leuchtturmsrapport.
Letztes dichter ist ein Faden (der oft verlorengeht).
~ ~ ~

Fürs Protokoll: Knie wird langsam besser (Sonntag rennt’s hoffentlich wieder über den Iron-Widow-Parcours, es soll Sonne geben). – Haar ist geschnitten (und doch diesmal nicht ganz so kurz: beim türkischen Herrenfriseur war der stille Freund meines Kopfes frei). – DaZel-Lehrerin wird langsam auf Kurs gebracht (erinnere dich: Es geht bei Leben nie ums Geld, und noch ist genug davon da, um dir diesen Satz leisten zu können). – Übermorgen soll endlich die Strickjacke kommen, weich und so blau wie das Nordpolarmeer im ersten Sonnenschein.

Sabotage

240 Kurs kurz verloren

Das war klar.
Vorhin beim ersten Rennen über den Iron-Widow-Parcours in diesem Jahr habe ich mich voll aufs Knie gelegt.
Ich bin an einem Stein(chen – was nun, weiß ich im Moment noch nicht) im Boden hängengeblieben, habe das sofort gemerkt und konnte wie schon letztens immerhin im Fallen dafür sorgen, dass ich mich nicht auf die Fresse lege. Und im Vergleich zum letzten Mal vor etwa zwei Jahren ist nun auch nur ein Knie blutig geschlagen.

Ja. Das war klar. Ich war guter Dinge: ‚Neujahrsrennen‘ – Ein Wort haben – selbst Worte haben – jedenfalls die Vorstellung davon – etwas zum Warmhalten; ja, ich war guter Dinge.
~

Aber ich habe mich wieder nicht auf die Fresse gelegt! Und ich habe mich diesmal sogar nur auf eins von immerhin zwei Knien gelegt!